Essen in der Luft : Dinnertafel am Haken

Vor dem Hotel Steigenberger hebt sich täglich eine Plattform. In 50 Metern Höhe wird beim "Dinner in the Sky" einMenü serviert.

Bernd Matthies
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Nur für Schwindelfreie: Dinner hoch über dem Ku'damm. -Foto: Reuters

Es wäre schwer, irgendeinem Landarbeiter in Guatemala zu erklären, was wir hier gerade tun. Die Stahlplattform hängt in 50 Metern Höhe unter einem Kran, die 17 Gäste plaudern, als säßen sie in einem normalen Restaurant, und nur ab und zu blickt einer neben seinen Füßen nach unten in die Tiefe und sagt so etwas wie „Uah!“ oder „Huh, ist das tief“.

Dies ist eines jener Ereignisse, denen die neudeutsche Vokabel „Event“ wie angegossen passt. Niemand weiß so recht, ob er unbedingt hier oben sitzen muss – aber irgendwie ist es doch sehr lustig. Die Sache heißt „Dinner in the Sky“, hat mal klein angefangen und existiert inzwischen in über 20-facher Ausfertigung, längst auch in Dubai, wo es immer was zu feiern gibt. Der Erlebnisvermittler „My Days“ hat sich mit dem Steigenberger Berlin zusammengetan, und folglich hebt sich die Plattform bis zum 31. August täglich vor dem Hoteleingang.

Was da hochgezogen wird, ist für den 100-Tonnen-Kran ein Klacks. Sieben Tonnen wiegt das schwebende Restaurant einschließlich Koch, Kellner, Projektleiter und den maximal 22 Gästen, die um einen zentralen Gang herum in knappen Sesseln angeschnallt aufs Essen warten. Die Füße ruhen auf einer Stahlplatte, dürfen aber auch gern in der Luft schweben, was in den Beinen ein unheimliches, abwärts gerichtetes Ziehen verursacht. Ist der Wind nicht zu stark, ist kaum eine Bewegung zu spüren, selbst das Drehen geschieht so unmerklich, dass der Stern des Europa-Centers ganz plötzlich links statt rechts neben dem Koch leuchtet. Der heißt an diesem Abend Elmar Sertel, ist hoch qualifizierter Sous-Chef, aber eigentlich ein wenig überqualifiziert, da zwei der vier Gänge fertig aus der Hotelküche gebracht werden: Lachs geräuchert am Stück und als Tatar, dazu Dill-Gelee, später nach der Rauch- und Toilettenpause – auf dem Boden – ein gefülltes Perlhuhn mit Thymiankartoffeln. Sertel erhitzt eine gelbe Paprikasuppe, später holt er aus Kühlbehältern die Bestandteile einer Himbeer- und Schokoladenvariation und richtet sie an. Kochen hier oben gehe zwar, erläutert er, aber wenn die Kochplatte richtig Stoff will, mache das Licht schlapp.

Diese Unzulänglichkeiten fügen Gastgeber und Gäste zu einer fröhlichen Schicksalsgemeinschaft. Hoteldirektor Torsten Schulze ist beim zweiten Mal schon ein alter Fahrensmann, erläutert das Prozedere und lichtet alle Gäste mit seinem Handy ab. Schließlich telefoniert der Projektleiter, die Glocken der Gedächtniskirche beginnen pathetisch zu dröhnen. Zufall, sagt er, „das gehört nicht zum Programm“. Nach knapp zwei Stunden ist alles vorbei, das ist an diesem Abend auch besser so, weil zum Dessert ein paar Regentropfen den Weg am Plastikdach vorbei finden und die Abendkühle um die ungeschützten Beine streicht. Der Boden unten fühlt sich richtig gut an. Hinterher noch einen Drink auf dem festen Boden der Hotelbar?

Bis zum 31.August, Los-Angeles-Platz 1, täglich ab 19 Uhr, Preis 159 Euro incl. Softgetränken. Reservierungen unter www.mydays.de.

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