Ex-Häftlinge : "Legal leben ist cool"

Ex-Knackis als Vorbild: Ausstellung über Haftalltag im Kreuzberger Archiv der Jugendkulturen. Die Ausstellungseröffnung erinnert bisweilen an Ghettoklischees von US-Rappern, etwa durch eine brennende Mülltonne vor dem Eingang, durch HipHop-Musik und Graffitis – sie sind Teil der Straßenkultur vieler Berliner Jugendlicher, vor allem in Migrantenvierteln.

Ferda Ataman

Die Ex-Sträflinge Caglar und Cheick stehen mit Taschenlampen und Polizeiuniform am Einlass und kontrollieren die Inhalte von Taschen und Jacken. Es irritiert die Ausstellungsgäste, aber das soll es auch. „Wir wollen, dass die Besucher ein Gefühl dafür bekommen, wie es in unserer Welt zugeht“, sagt Cheick, der sich mit 24 Jahren geläutert fühlt. Er war dreieinhalb Jahre wegen Körperverletzung und anderen Delikten im Gefängnis. Seit seiner Entlassung im letzten Jahr arbeitet er im Projekt „Legal Leben“ mit. Der junge Mann aus Köpenick ist jetzt Streetworker auf Honorarbasis und gibt Hiphop-Workshops für Jüngere.

Bezahlt wird er vom Straßensozialarbeit-Verein Gangway und dem Türkischen Bund Berlin, die seit eineinhalb Jahren ehemals kriminellen Jugendlichen helfen, den Weg in den Arbeitsmarkt zu finden und sich „draußen“ zurechtzufinden. Ende des Jahres läuft das vom Senat geförderte Projekt aus und Gangway sucht neue Sponsoren. Zum Abschluss zeigen Cheick und andere in einer Ausstellung, wie ihr Leben vor, während und nach der Haft aussieht. Unter dem Titel „Grauzone Leben“ ist hier bis zum 11. Dezember zu sehen, wie schwer es Jugendlichen mit Hafterfahrung fällt, den Alltag in Freiheit zu meistern und eine Wohnung oder einen Job als Ex-Sträfling zu finden.

An einer Wand hängen kurze Texte von „Ex-Knackis“, wie sie sich selbst nennen. „Ich werde nach 3 Jahren und vier Monaten entlassen“, steht auf einem Zettel von Kevin, 21 Jahre alt, „und soll plötzlich alle Behördengänge alleine machen. Ich brauche Hilfe, denn überall werde ich weggeschickt oder bekomme keine verständliche Auskunft“. An einer Schnur haben die ungewöhnlichen Künstler Behördenbriefe aufgehängt, die sie zum „sofortigen Verlassen der Bundesrepublik“ auffordern – denn viele Jugendliche ohne deutschen Pass sollen nach der Haft in die Heimat der Eltern abgeschoben werden. Auch dann, wenn sie nie in einem anderen Land gelebt haben.

Die Ausstellungseröffnung erinnert bisweilen an Ghettoklischees von US-Rappern, etwa durch eine brennende Mülltonne vor dem Eingang, durch HipHop-Musik und Graffitis – sie sind Teil der Straßenkultur vieler Berliner Jugendlicher, vor allem in Migrantenvierteln. Ghetto ist hier cool, hat es den Anschein. Ob das den Nachwuchs nicht eher zu Kriminalität verleitet? „Die meisten Kids kennen den Knast sowieso“, sagt Cheick, „viele waren dort zu Verwandtenbesuch“. Umso wichtiger sei es, dass ein Außenstehender einmal klarstellt, wie schlecht es einem dort geht. „Und dass legal leben cooler ist.“ Ferda Ataman

„Grauzone Leben“ im Kreuzberger Archiv der Jugendkulturen, Fidicinstraße 3, Di. bis Sa., 15 - 19 Uhr

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