Exploratorium Kreuzberg : Plastiktüten machen plopp

Kurios aber klangvoll: Im Exploratorium Kreuzberg machen Geräuschfans auf Alltagsdingen Musik.

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Ein Mörser kann musikalisch sein. Die Kreuzberger Klangwerker und ihr seltsamen Instrumente. Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

Ein ziemlich kurioses Konzert ist hier im Kreuzberger Exploratorium in Gang: Die Kursteilnehmer hämmern auf eine Granitplatte, die entfernt an ein Xylophon erinnert, schütteln Glasmurmeln in einer Plastikflasche und in eine Glasschale und reiben ein Nudelsieb mit einem Magnetstein ab.

Das klingt zwar ungewöhnlich, aber keineswegs wirr und diffus. Die Musiker beim Workshop „Gefundene Objekte“ reagieren aufeinander, immer dichter werden die Klänge und Geräusche, nach und nach bildet sich wie von selbst ein Rhythmus.

Auf dem Tisch vor ihnen liegen noch weitere „Instrumente“, die hier zum Einsatz kommen: ein Besteckbehälter, ein Kerzenständer aus Metall, Plastikschläuche, eine Klistierspritze, ein Mörser, Luftballons und Plastiktüten. Die haben die Hobbymusikanten in Küchen, Kellern und auf Dachböden aufgestöbert. Mit kleinem Aufwand können sie sie unter fachkundiger Anleitung verändern oder umbauen. „Ich bin inzwischen süchtig nach akustischen Phänomenen“, sagt die 59-jährige Marion Fabian „und probiere zu Hause alles aus, was gut klingt“.

Entscheidend sei, dass es interessant klingt, erklärt der Berliner Komponist und Klangkünstler Thomas Gerwin, der den Workshop leitet. Wobei für ihn interessant allerdings etwas anderes ist als eine bestimmte Dur/Moll-Skala. So habe etwa eine schlichte Plastiktüte ein unglaublich reiches Spektrum an Geräuschmöglichkeiten. „Man kann damit völlig glatte, flächige Geräusche erzeugen oder auch harte, eruptive sowie Plopp-Laute“, so Gerwin. Erstaunlich auch, welche Töne sich einer simplen Kleiderstange aus Plastik entlocken lassen. In die Einkerbungen für die Bügel könne man auch Saiten spannen, so Gerwin, zum Beispiel aus Gummi und Drachenschnur. Das werden die Teilnehmer im Lauf des Kurses tun und ansonsten darauf spielen wie auf einer südamerikanischen Ratschgurke.

„Ich wollte mal ausloten, welche Klänge es abseits der Konserve noch gibt“, sagt Samuel Rohner, 19, der selbst elektronische Musik komponiert. Marion Fabian macht Klanginstallationen und Musik-Miniaturen, die bereits bei Deutschlandradio Kultur gesendet wurden. Sie verspricht sich von diesem Workshop, etwas „über die Organisation von Geräuschen“ zu lernen. Das wird sie vor allem bei der Kompositionsarbeit tun können. Im Lauf des Kurses soll nämlich entweder ein Gemeinschaftswerk oder eine Suite kleiner Einzelstücke mit verschiedenen Solo- und Tutti-Passagen entstehen. Diese „Geräuschmusik“ wird grafisch notiert. Dazwischen bleibt aber auch Raum für Improvisation. „Auf keinen Fall“, so der Workshop-Leiter, „wollen wir jedoch mit den Klängen und Geräuschen ,Geschichten‘ erzählen“. Stattdessen möchten sie ausloten, welche skurrilen, bizarren und extravaganten Töne man mit all den unscheinbaren, zweckentfremdeten Dingen hervorzaubern kann. „Der Kurs vermittelt mir eine neue Sichtweise auf Musik“, so der gelernte Klavierstimmer Michael Baumeister, 41. „Man nimmt Sachen in die Hand und plötzlich klingen sie.“ Carmen Gräf

Der Workshop „Gefundene Objekte“ läuft noch bis zum 18. Mai jeden Dienstag von 19–21 Uhr im Exploratorium, Mehringdamm 55, in Kreuzberg. Die entstandene Komposition ist hier am 18. Mai um 20.30 Uhr bei einem Abschlusskonzert zu hören.

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