Extreme Fighting : Für den nächsten Kick

Sie kämpfen im Stahlkäfig und nennen es "Extreme Fighting". Was sind das für Menschen, die so einen Sport treiben?

Sebastian Leber
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Oft am Boden. Charlotte von Baumgarten trainiert im Budokan Alliance-Jiu-Jitsu.Foto: David Heerde

Erst neulich musste sie wieder schlimme Verletzungen sehen. Tiefe Schnittwunden, durchtrennte Sehnen, offen liegende Organe sogar. Aber Charlotte von Baumgarten darf sich nicht beklagen, man hatte sie ja gewarnt: Das Studium der Tiermedizin wird kein Spaß. In den Sezierkursen braucht man starke Nerven, sagt sie.

Charlotte von Baumgarten, 22, sitzt auf der Couch im Vorraum der Kampfsportschule Budokan in Steglitz. Eigentlich hängt sie mehr in der Couch, sie hat gerade ihr Training beendet und noch Schweiß auf der Stirn. Drei Mal die Woche übt sie hier Bodenkampf. An den zwei anderen Tagen macht sie Thaiboxen. Beides braucht sie, wenn sie im Dezember in der Max-Schmeling-Halle in den Stahlkäfig steigen will: zu den „Xtreme Fighting Championships“. Es ist viel geschrieben worden über diesen Sport: „Kampf ohne Regeln“ und „Blutboxen“ haben Boulevardzeitungen ihn genannt, Landespolitiker haben Verbote gefordert. Und Charlotte von Baumgarten ist immer wütender geworden. „Wenn Leute so Zeug erzählen, was soll ich davon halten?“

Alle Interviewanfragen hat sie bisher abgelehnt. Heute ist sie bereit zu reden. „Klar, es ist ein harter Sport“, sagt sie. „Und wenn man keinen Zugang zur Technik hat, wirkt es vielleicht wild und brutal.“ Doch sobald man sich mit ihrem Sport auseinandersetze, sehe man ihn mit anderen Augen. „Mixed Martial Arts“ heißt er offiziell, kurz MMA, zu Deutsch: „Gemischte Kampfkünste“. Früher haben sie „Freefight“ gesagt, das führte zu Missverständnissen, weil viele dachten, es sei ein Kampf ohne Regeln. Tatsächlich war bloß gemeint: Jeder Kampfsportler ist willkommen. Der Ringer, der Boxer, der Kickboxer, der Jiu-Jitsu-Fan. Das Regelwerk hat 26 Seiten.

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Im Käfig sieht der Sport für Außenstehende oft brutal aus.Foto: promo

Charlottes Manager ist heute auch da, er heißt Tim und sagt, die Szene sei womöglich ein bisschen selbst schuld an ihrem Imageproblem. Weil Veranstaltungen oft mit Plakaten beworben werden, auf denen die Kämpfer aussehen, als wollten sie sich gegenseitig abschlachten. Und dann ist da das Käfigdilemma: Der Stahlzaun sieht unbestreitbar brutal aus. Ursprünglich wurde er eingeführt, damit die Kämpfer nicht aus dem Ring fallen und sich verletzen. In Japan hat man das Problem anders gelöst: Da stehen auf jeder Seite Helfer und passen auf, dass keiner unter den Seilen durchrutscht.

Charlotte von Baumgarten fing mit 15 mit dem Kickboxen an, dann kamen Boxen und Thaiboxen dazu, vor zwei Jahren brasilianisches Jiu-Jitsu, in dieser Disziplin ist sie Europameisterin. Und jetzt eben Mixed Martial Arts, die Kombination von allem. Die Studentin sagt: Man muss wirklich kein besonderer Typ Mensch sein, um bei MMA zu landen. „Ich glaube, da wächst man rein.“ Ihre Eltern sehen das immer noch kritisch, sie hätten lieber, dass Charlotte etwas anderes macht. Aber letztlich habe jeder seine Leidenschaft, sagt sie. „Bei manchen ist es Volleyball, bei mir ist es Kampfsport.“

Zwei Mal stieg sie bisher bei MMA- Turnieren in den Ring, zwei Mal gewann sie klar. Im Internet findet man einen Mitschnitt ihres ersten Kampfes, wer den gesehen hat, weiß: MMA ist ganz sicher kein regelloses Abschlachten. Im Gegenteil, wer sich für Kampfsport nicht interessiert, wird Mühe haben, das Zehn-Minuten-Video bis zum Ende anzugucken. So unspektakulär ist es, so wenig scheint zwischendrin zu passieren. Das sieht Charlotte natürlich anders.

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Frank Burczynski betreibt das IMAG in der Kastanienallee.Foto: David Heerde

In Deutschland gibt es etwa 250 Kämpfer, 70 davon kommen aus Berlin. Frank Burczynski ist eine Szenegröße. Er betreibt die Kampfsportschule IMAG in der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Seine Ohren sehen lädiert aus, das kommt vom Ringen, Burczynski fing schon als Sechsjähriger beim TSV Tegel an. Er versteht, dass sich Leute erschrecken, wenn sie Bilder von MMA-Kämpfern mit Platzwunden sehen. „Liegt da einer am Boden und blutet, sieht es doch grauenhaft aus. Wen das nicht schockt, dem ist nicht mehr zu helfen.“ Genauso eklig könne man aber auch finden, wenn ein Klitschko-Bruder mit Riesenwunde überm Auge durch den Ring wanke. „Was Außenstehende oft nicht beachten: Das sind Sportler, die sich des Risikos bewusst sind und sich auf diese Kämpfe vorbereiten.“

30 Schützlinge trainiert Burczynski derzeit, drei davon wollen in den Stahlkäfig der Max-Schmeling-Halle. Zu ihm kommen Ärzte und Handwerker, Journalisten und Bauarbeiter, eine Physiotherapeutin für Wachkomapatienten ist auch dabei. Nein, MMA sei sicher nicht jedermanns Sache, sagt der Trainer. „Das ist auch okay.“ Ihn regen nur Kritiker auf, die seinen Sport verbieten wollen. Zum Beispiel mit dem Argument, dass MMA-Kämpfer anders als Boxer keine dicken Handschuhe tragen. „Die Wahrheit ist doch: Handschuhe schützen die Mittelhandknochen ihres Trägers“, sagt er. „Wer welche anhat, kann umso länger auf fremde Schädel einschlagen.“

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