Extremsport : Die Kanalarbeiterin

Eine 32-jährige Spandauerin ist von England nach Frankreich geschwommen. Weder Kälte noch Feuerquallen konnten sie stoppen. Trainiert hat sie dafür in der Oberhavel.

Katrin Wienefeld
Margit Bohnhoff
Kopf über Wasser. Maregit Bohnhoff schwamm die 32 Kilometer durch den Ärmelkanal nach Frankreich. Hier trainiert sie gerade in der...Foto: Uwe Steinert

Beim Start sind die Wellen zweieinhalb Meter hoch. Heute schwimmst du nicht, sagt ihr Freund noch. Aber Margit Bohnhoff hört nicht hin. Als sie zwölf Stunden später ihre Tochter in Berlin anruft, sagt sie nur einen Satz: „Ich habe es geschafft“. Genau elf Stunden und vierzig Minuten hat die Spandauerin vor zwei Wochen gebraucht, um den Ärmelkanal zu durchqueren. 32 Kilometer Luftlinie sind es von der englischen Hafenstadt Dover bis nach Calais an der nordfranzösischen Küste. Dort, an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals, drängt sich das Wasser des Atlantiks in die Nordsee.

Der Englische Kanal zählt zu den am stärksten befahrenen Wasserstraßen der Welt, bis zu 500 Schiffe passieren täglich die Meerenge. Und übers Jahr verteilt versuchen rund 100 Schwimmer, von einem Ufer ans andere zu kommen. Es ist die legendärste Schwimmstrecke der Welt. Und eine gefürchtete, auch wegen der Schwärme von Feuerquallen. Gegen die glitschigen Tiere mit ihren brennenden Tentakeln ist Bohnhoff bei ihrem Versuch nicht geschützt, aber noch mehr Respekt hat sie vor der Kälte. Und vor dem Regelwerk. Das ist nämlich äußerst streng und seit dem Jahr 1875 nahezu unverändert – damals schwamm der britische Kapitän Matthew Webb als Erster durch den Kanal. Die Aspiranten dürfen lediglich einen Badeanzug, Badekappe, Schwimmbrille und Ohrstöpsel benutzen, dazu Fette wie Vaseline als Schutz für die Haut. Auf dem Begleitboot können Freunde mitfahren, die vom Trockenen aus dem Sportler Nahrung ins Wasser reichen und im Notfall fremde Schiffe auf Kollisionskurs warnen.

Gerade einmal 18 Grad sind es, als Margit Bohnhoff ins Wasser steigt. Das ist warm genug, um kurz reinzutauchen, aber über einen Zeitraum von mehreren Stunden ist diese Temperatur nicht ungefährlich. Doch die Spandauerin hat lange trainiert. Vier Jahre hat sie ihr Leben dem Schwimmen untergeordnet. Morgens um sechs Uhr ging sie jeden Tag ins Schwimmbad der Wasserfreunde Spandau 04. Pro Woche schwamm sie 35 Kilometer. Margit Bohnhoff besorgte sich zusätzlich zu ihrem Vollzeitjob als Verwaltungsangestellte im Bezirksamt Spandau noch eine Putzstelle, um die Startgebühr und die Miete für das Begleitboot beim Kanalschwimmen bezahlen zu können, knapp 3000 Euro kamen zusammen. In England absolvierte Bohnhoff einen Sprachkurs, um die Anweisungen des Kapitäns auf dem Boot während der Überquerung verstehen zu können. Und im Winter sprang sie regelmäßig in die Havel, um sich an die Kälte zu gewöhnen. Dabei hat die 1,65 Meter große, eher schmale Frau erst 1994 nach ihrer Scheidung mit ihrem Sport aus Kindertagen wieder begonnen. Schnell entdeckte sie ihre Leidenschaft für freie Gewässer. Sie übte den gelassenen Kraulstil der Langstreckenschwimmer, nahm beim Schwimmen Tennisbälle in die Fäuste, um die Muskeln zu stärken. Und sie lernte beim Training im See den Hobbytriathleten Frank Schreiber kennen, mit dem ist sie jetzt zusammen. „Es ist schön, einen Partner zu haben, der ähnliche Leidenschaften hat wie man selbst“, sagt sie. Ihre erste Meeresquerung versuchte sie durch den Fehmarnbelt in der Ostsee, das wären nur 18 Kilometer gewesen. Bohnhoff musste aber wegen schlechten Wetters abbrechen.

Eine Strecke wie der Ärmelkanal wäre für einen untrainierten Sportler tödlich, sagt Norbert Matthes, stellvertretender Bundesarzt der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft. Die größte Gefahr ist die drohende Unterkühlung. Nur mit viel Kältetraining und genügend Körpergewicht lasse sich das Wasser aushalten. Was treibt Extremsportler an? Professor Hartmut Gabler vom Sportwissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen sagt: „Die Sache selbst ist motivierend. Jeder Mensch macht Dinge, die er rational nicht erklären kann.“ Sport könne der Ausdruck einer individuellen Sinnsuche sein. „Sehr religiöse Menschen zum Beispiel machen eher selten Extremsport.“

Als Margit Bohnhoff vier Tage nach ihrem Start mit schmerzender Schulter zurück nach Deutschland fährt, überwiegen die Glücksgefühle: „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich in diesem Wasser geschwommen bin.“ Aber immerhin gebe es ja noch viel verrücktere Extremsportler als sie. Diejenigen zum Beispiel, die ohne Unterbrechung zwei Wege schwimmen, von England nach Frankreich und dann gleich wieder zurück. Mal schauen, wann Bohnhoff darauf Lust bekommt.

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