Farin Urlaub : "Hier können wir ungestört berlinern"

Drei Musiker, sechs Konzerte, 100.000 Fans: Farin Urlaub, Sänger der Ärzte, über Reisepässe, Schwaben und ein grausames Konzert im ICC.

Farin
Farin Urlaub. -Foto: ddp

Farin Urlaub, willkommen in Berlin! Sie waren lange nicht hier …

Stimmt nicht. Ich wohne zwar nicht mehr in Berlin, komme aber öfter zu Besuch.

Das letzte Konzert der Ärzte liegt immerhin schon vier Jahre zurück.

Dafür habt ihr uns in diesem Sommer sechsmal. Wir sind frisch und ausgeruht, die Tour hat ja gerade erst angefangen.

Ihre erste Station vor zwei Wochen war Moskau. Eine typisch schräge Ärzte-Idee.

Irrtum, das war nicht unsere Idee. Wir haben ganz offiziell über unser Management eine Anfrage bekommen. Das fanden wir schon reizvoll, denn in Russland hatten wir noch nie gespielt. Ich persönlich war auch noch nie da, das gab dann einen Länderpunkt.

Einen Länderpunkt?

Ja, ich stehe mit ein paar Freunden in einem Wettbewerb. Jeder, der ein neues Land bereist und das mit einem Stempel im Pass nachweisen kann, bekommt einen Länderpunkt. Bei mir sind’s jetzt so um die 100. Ich bin halt gern unterwegs …

… wie schon Ihr Künstlername verrät.

Mit den Ärzten sind wir vor ein paar Jahren durch Südamerika getourt, aber das war eher ein Spaß. Wir wollten da gern mal hin, nach Uruguay, Argentinien und Chile, also haben wir dort ein paar Konzerte gegeben und einmal sogar vor 70 000 Leuten gespielt, irgendwo auf dem Land in Uruguay.

70 000 Uruguayer wollten sie sehen?

Nun ja, die waren eher trotz als wegen uns da. Wir haben als Support Act vor La Vela Puerca gespielt, das ist eine uruguayische Band, mit der wir auch mal durch Deutschland getourt sind. Um ehrlich zu sein, kennt uns da unten keine Sau.

Und in Moskau?

Da kennen uns offenbar ein paar Leute, vor allem in der russischen Punkrockszene. Ich hatte zur Begrüßung extra eine russische Ansage geübt.

Und?

Na, fast alle haben Deutsch gesprochen.

Wie kommt’s?

Keine Ahnung. War halt viel junges Publikum da, bestimmt auch jede Menge Germanistikstudenten, ein Fan kam sogar aus Minsk. Und dann sind uns reichlich Fans hinterher gereist. Ist ja nicht so weit von Deutschland nach Moskau.

Von den Fans werden Sie als beste Band der Welt vergöttert. Wird das auf Dauer nicht langweilig? Oder ist ein Auftritt in Berlin noch was Besonderes?

Was Besonderes? Hallo? Natürlich! Ich kann noch so weit weg wohnen, aber ich werde immer ein Berliner bleiben. Das ist ja der Grundfehler, den die Schwaben machen, wenn sie aus ihrem Dorf hierher ziehen und sagen: „Ich bin ein Berliner!“ Nee, Alter, biste eben nicht. Du bist und bleibst ein Schwabe, der in Berlin wohnt.

Was ist denn das Besondere in Berlin?

Erst mal, dass wir ungestört berlinern können und uns jeder versteht, das funktioniert ja nicht überall. Und zweitens, dass man mal wieder alle Freunde und Bekannten sieht.

Wie viele sind’s denn?

Hmm, 17 000 mal sechs – wie viel ist das? Ich war nie so gut in Kopfrechnen.

Sie gastieren von Freitag bis Sonntag in der Freilichtbühne an der Wuhlheide und dann noch mal vom 11. bis 13. Juli. Sie hätten in größere Arenen gehen können, ins Olympiastadion oder in die Waldbühne.

Nee, das ist nicht so unser Ding. Die Waldbühne haben wir mal vor vier Jahren ausprobiert, wir waren wirklich neugierig, denn da hatten wir noch nie gespielt.

Ihr Bassist Rod hat damals gesagt, er sei gespannt sich auf die Atmosphäre eines Amphitheaters, in dem früher die Nazis erst Koks und dann Wagner reingezogen hätten.

Also, ich fand es nicht so toll. Für die Zuschauer mag die Waldbühne schön sein, aber mir sind die Ränge einfach zu steil, von der Bühne aus muss man sich regelrecht umgucken um das gesamte Publikum zu sehen – in der Wuhlheide hat man alle im Blick. Und, Sie wissen ja, dass der Kontakt mit dem Publikum uns nicht ganz unwichtig ist. Das funktioniert in der Wuhlheide viel besser. Die drei Konzerte vor vier Jahren waren sensationell.

War das nicht immer so?

Nee, nee, da muss man schon ein bisschen differenzieren. Ich kann mich zum Beispiel an einen grausamen Auftritt erinnern, vor genau 25 Jahren im ICC.

Die Punkrocker von den Ärzten im Großen Kongresssaal vor andächtig lauschendem Publikum in Plüschsesseln …

Ach was! Wir haben im Foyer gespielt, vor genau 30 Leuten, direkt hinter den Rolltreppen. Riesenstimmung, können Sie sich ja denken. Diesen Auftritt haben wir ganz schnell wieder vergessen. Berlin war für uns in den Anfangsjahren ohnehin nicht so ganz einfach. Manchmal hatten wir ganz schön Muffensausen.

Sie hatten mal Angst vorm Publikum?

Nicht direkt Angst, aber Respekt. Bei den Berliner Konzerten war immer die gesamte Musikerpolizei vertreten, die haben ganz genau darauf geachtet, ob du vielleicht einen Fehler machst. Na, und wenn dann noch zwei, drei Ex-Freundinnen im Publikum saßen …

Und heute?

Du darfst Berlin nicht unterschätzen. Die Leute hier sind furchtbar anspruchsvoll, in Berlin spielt jeder, auch wenn er auf einer Europatournee nur ein Konzert in Deutschland gibt. Da ist ein Konzert der Ärzte nichts Besonderes, anders als in, sagen wir mal, Schwäbisch-Gmünd.

In den vergangenen Jahren haben Sie sich für Ihr Publikum immer etwas Besonderes einfallen lassen. Mal sind Sie mit Kiss auf Tour gegangen, zuletzt mit Village People. Wen bringen Sie am Freitag mit?

Ha, glauben Sie wirklich, das verrate ich Ihnen jetzt? Lassen Sie sich überraschen!

Das Gespräch führte Sven Goldmann.

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