Fashion Week : Model tritt mit Beinprothese auf

Bei der Fashion Week trat ein Model mit Beinprothese auf den Laufsteg - Zeichen für Toleranz oder gezielte Provokation für die sonst so auf Makellosigkeit bedachte Branche?

Sonja Pohlmann
Hingucker. Galla bei Starstyling. Foto: dpa Foto: dpa
Hingucker. Galla bei Starstyling. Foto: dpaFoto: dpa

Bisher war er immer einer unter vielen: groß, blond, muskulös, ein Männer-Model, wie es alle großen Agenturen in ihrer Kartei haben. Doch die Berliner Fashion Week, die am Wochenende zu Ende gegangen ist, hat Mario Galla, 24, in besonderes Licht gesetzt. Denn erstmals haben ihn Designer in kurzen Hosen auf den Laufsteg geschickt – und erstmals wurde damit Gallas Behinderung bei einer Modenschau in Szene gesetzt.

Galla, der in Hamburg lebt, ist mit einem verkürzten rechten Bein geboren und trägt deshalb eine Prothese. Trotzdem arbeitet er seit einigen Jahren als Model. Er macht vor allem Beauty-Kampagnen, wo sein Gesicht und nicht sein Körper im Fokus steht, lief aber auch schon in Paris für Designer Alexis Mabille oder für Hugo Boss. Aber dort trug er jeweils lange Hosen und fiel deshalb nicht weiter auf. Doch in Berlin schickten der Designer Michael Michalsky und Katja Schlegel und Kai Seifried vom Label Starstyling, Galla in Shorts auf den Laufsteg – eine Entscheidung, die weniger wie ein Zeichen für mehr Toleranz, sondern vielmehr als Akt der Provokation für die sonst so auf Makellosigkeit bedachte Branche wirkte.

Er habe Gallas Behinderung keinesfalls als Schocker fürs Publikum instrumentalisieren wollen, sagte Michalsky. „Ich habe ihn gebucht, weil er insgesamt ein tolles Model ist und es schafft, meine Mode mit Leben zu erfüllen“, sagte Michalsky. Sein Motto sei, „real clothes for real people“, echte Mode für echte Menschen zu machen und deshalb spiele es keine Rolle, ob ein Model ein Bein oder zwei habe.

Das hört sich schön an, ist aber nicht ganz so einfach. Denn Galla war bei Michalsky das einzige Model mit Makel. Sonst buchte Michalsky Toni Garrn und Katrin Thormann, die eben gerade deshalb Supermodels sind, weil sie nicht wie „real people“ wirken. Schließlich wollen Designer ihre Mode perfekt präsentieren. Und sobald ein vom gängigen Schönheitsideal abweichendes Model wie Galla auf den Laufsteg tritt, konzentriert sich das Publikum auf die Behinderung, grübelt, welche Geschichte der Mensch hat – die Mode wird komplett vergessen und allein der Voyeurismus bedient.

Weniger provozierend wirkt es, wenn alle Models bei einer Schau vom Ideal abweichen, so wie bei Starstyling. Hier liefen neben Galla auch der Albino Sean Ross, Männer mit pinken Haaren, Frauen mit Afrobob, kein Model glich dem anderen und so bildeten sie wiederum durch all ihre Unterschiede eine Einheit.

Galla will jedoch nicht allein wegen seiner Behinderung gebucht werden. „Die Designer sollen mich wollen, weil ich als Typ zu ihrer Mode passe, nicht, um das Publikum zu schocken. Das wäre makaber und unethisch“, sagt Galla. Er will auch bei der nächsten Fashion Week in Berlin modeln. Dann vielleicht in langen Hosen.

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