Fashion Week : Rock wie Hose

Musiker sind Stil-Ikonen. Kein Wunder, dass der moderne Mitte-Man immer ein bisschen wie Pete Doherty aussieht. Sie prägen Mode und Clubkultur. Das wird dieser Tage in Berlin besonders deutlich.

 Ric Graf
253383_0_c9779a23.jpeg
Nur mit Hut. Pete Doherty hat seinen Stil - und das prägt. -Foto: ddp

In diesem Jahr wird bei der Fashion Week besonderer Wert auf die Musik gelegt: Es gibt eine „Fashion Rock Night“, das Label Kitty-Yo präsentiert einen Abend und beim Rucksackhersteller „Eastpak“ spielen Polarkreis 18 („Allein, allein“) den Soundtrack für die Modenschau. Musik und Mode inspirieren sich gegenseitig.

Die 60er mit den Beatles: Pilzfrisuren, kurze Röcke, keine Krawatte 

Als Designer Hedi Slimane nach seiner Zeit bei Yves Saint Laurent bei der altehrwürdigen Konkurrenz von Dior antrat und eine Männerlinie in XS entwickelte, führte er wie kein anderer Designer zuvor Mode und Musik zusammen. Bei den Dior-Homme-Shows traten Bands wie Phoenix auf, er steckte Pete Doherty in seine schmalen Anzüge und fotografierte dessen Band in Dior. Immer war Slimane auf der Suche: nach neuer Musik, nach der perfekten Symbiose aus Musik und Mode.

Diese Symbiose ist keine Neuschöpfung: Musik und Mode befruchten sich seit jeher. Früher dienten gesellschaftliche Normen dazu, Jugend zu kontrollieren und einzuschränken. Anfang der Sechziger war die Mode passend zum aufkommenden Beatsound der Reflex auf das Bürgertum: Die Beatles schockten mit Pilzfrisuren, die kurzen Röcke der Mädchen samt wild-toupierter Frisuren empörten. Die Stones setzten dann noch eins drauf, in dem sie gänzlich auf die Krawatte verzichteten. Das Publikum reagierte auf Sound und Mode der Bands - die Bands ließen sich wiederum vom Publikum inspirieren.

Nietengürtel, Karohosen, Hosenträger - die 70er

Nicht anders war es bei den Blumenkindern der späten 60er. Die Hippies mit ihren bunten Batikhemden und Schlaghosen begehrten mit Songs und Kleidung auf. In den 70ern kam mit Malcolm McLaren der Punk. Er hatte mit Designerin Vivienne Westwood eine Boutique in London eröffnet: „Sex“. Dort verkaufte das Paar Nietengürtel, Karohosen, Hosenträger, die nichts trugen, sondern runter hingen. McLaren suchte aber auch Mitglieder für eine Band, die er gründen wollte: Als John Lydon in den Laden spazierte, waren die Sex Pistols geboren: Sound und Look waren eins. Es folgten die Achtziger und mit ihnen Disco. Nun ging es nicht mehr ums Aufbegehren - was nun zählte: die Nacht unter der Diskokugel, Vergnügen, Schrillheit. Mode und Musik verloren die emotionale Beziehung: Man stylte sich eher, als ein Statement zu setzen. Aussagen, Angriffe, Provokationen waren einmal.

Heute. Es ist ein typischer Freitagabend. Die Szene zieht los, geschminkt und gut gelaunt - und würde man es mit den Bildern von „früher“ vergleichen, hat sich eigentlich nicht viel geändert. Jede Szene hat ihren Code, ihren Style. Im Bang-Bang-Club sieht man bei der Indie-Party „Death by Pop“ Jungs in Röhrenjeans mit weißen Hemden und schmalen Krawatten, das Haar ist gescheitelt und etwas länger. Die Mädchen tragen eher dunkle Klamotten, wenig Schminke und sind modisch von den Jungs gar nicht eindeutig zu unterscheiden. Getanzt wird zu den Babyshambles, Strokes, MGMT und Oasis.

Der neue Schick: Anzüge, das kleine Schwarze, teurer Schmuck

Im Tape-Club tanzt man derweil zu Elektro: Hier wirkt alles etwas wilder, lauter, heller. Hier tragen die Leute Jeans und Shirts. Und doch fehlen die immergleichen Frisuren, die Indie-Codes. Im Tape wird einfach gefeiert, da treffen sich alle Szenen.

Im Cookies dagegen, dem legendären, mittlerweile schicken In-Club der Stadt, sieht man Anzüge, „kleine Schwarze“, teureren Schmuck, ein paar Ed-Hardy-Base caps und Manolos. Hier feiern nicht die Anfang Zwanzigjährigen, sondern die etwas älteren Twens oder Leute um die Dreißig: Hier ist Mode nicht mehr mit der bassigen Musik im Einklang, sondern Teil des eigenen sozialen Status’. Seit Musik kaum noch gesellschaftliche Relevanz im Sinne der Provokation hat, ist die Mode individueller geworden. Klamottencodes gibt es, sie sind aber befreit von Aussagen. Außer: Man gehört genau in den Club und will das nach außen zeigen, weil Clubbesuche für viele zeigen, wer man ist.

Heute ist alles Wiederholung. Und mit diesem Gefühl von Kopie und Aufguss sucht jede Szene weiter nach dem nächsten Ding und wird auch nach dem weißen Hemd mit dünnem schwarzen Schlips nicht vor der neonfarbenen Taucherjacke zurückschrecken, wenn die Massen es wieder schick oder entsetzlich finden: Angriff oder Liebe. Zwei Dinge, die Mode und Musik immer wollten – gefallen oder provozieren. Am erfolgreichsten war immer beides zugleich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben