Feiern im Freien : Outdoor-Clubbing auf der Admiralbrücke

Nirgends fühlt sich Kreuzberg so international an wie nachts um halb eins auf der Admiralbrücke. Die Dauerparty dort erinnert viel stärker an einen Club, für den man nicht mehr in den Club gehen muss.

Thomas Groß

Berlin, Admiralbrücke.

Sie kamen aus Barcelona und hatten irgendwo im Internet davon gelesen, wo, wussten sie selbst nicht mehr, aber es war eine Empfehlung gewesen. "If you wanna have fun at low cost, check this out" – so in etwa ging der Text, sagte der Junge in den Converse-Boots. Jetzt saßen sie schon den dritten Abend auf dem Kopfsteinpflaster, und ginge morgen nicht der Flieger zurück, es könnte noch eine Woche so weitergehen.

Eigentlich hatten sie nur mal vorbeischauen wollen, der Junge und seine Gang, um dann weiterzuziehen in einen der vielen Clubs, für die die Hauptstadt berühmt ist. Aber dann war da dieser sagenhafte Sonnenuntergang über dem Wasser, und kurz darauf traf ein Trupp junger Amerikanerinnen ein. Am Ende hieß es: See you tomorrow at Admiralbrücke. Viele kommen wieder, es ist wie auf MySpace, sagte der Junge, nur dass man es mit echten Freunden zu tun hat. Das Beste: Man kann sich sein Bier selbst mitbringen.

Kreuzbergs jüngste Attraktion ist eine bottle party, die jeden Tag von Neuem beginnt. Ab Mittag lagern die ersten auf der historischen Brücke über den Landwehrkanal und blinzeln in die Sonne. Ab drei konkurriert das Ploppen der Flaschenverschlüsse mit Gesängen zur Gitarre. Spätestens ab fünf ähnelt die Szenerie einem Massenauflauf, ab acht bringen ganze Sambaschulen den Durchgangsverkehr zum Erliegen. Noch später trifft dann alles auf alles, Turnschuhträger auf Altzausel, angeschickerte Weltboheme auf einheimische Feierabendtrinker, begleitet von einem babylonischen Sprachengewirr. Nirgends fühlt sich Kreuzberg so international an wie nachts um halb eins auf der Admiralbrücke.

Es ist ein Phänomen, das sich da zwischen Pollern und schmiedeeisernen Geländern abspielt, ein Neuberliner Brückenwunder, das sich allabendlich wiederholt und die lokalen Deuter herausfordert. Manche sprechen von italienischen Verhältnissen. Auch Vergleiche zu einer Demo sind schon gezogen worden: In Kreuzberg neigt man ja traditionell dazu, die Straße für sich zu beanspruchen. Doch demonstriert wird hier ausschließlich für das Recht, sich demonstrativ in aller Öffentlichkeit die Kante zu geben. Die Dauerparty erinnert viel stärker an einen Club, für den man nicht mehr in den Club gehen muss. Das Prinzip Chill-out hat sich ins Zentrum der Stadt verlagert, wo es die Kiez-Infrastruktur auf Trab bringt.

Nicht nur die vielen Hostels in der Umgebung profitieren vom Trend zum Outdoor-Clubbing. Bei Aufkommen erster Hungergefühle rennt das Partyvolk der Rock-’n’-Roll-Pizzeria in der Nachbarschaft die Bude ein. Am Nachmittag bilden sich ganze Ameisenstraßen hin zur Eisdiele ein paar Meter weiter, in der Kreuzberger Mütter Kita-Chill-out betreiben und Caffé Latte als Alternative zu Bier und Bionade bereitsteht. Die Restaurationsbetriebe rund um den Hauptevent sind Abwechslungsprogramm und Nachschubbasis zugleich, deshalb drücken die meisten Betreiber ein Auge zu, wenn die Brückenmenschen der Harndrang plagt. Das Geschäft seines Lebens allerdings macht ein türkischer Getränkekiosk.

Als ich in die Gegend zog, war der Laden eine muffige Höhle, in der muffige Männer widerwillig Waren rausrückten. Inzwischen hat er sich zu einem lichten Serviceunternehmen gewandelt, das alles anbietet, was der Dauerpartygast benötigt. Das Geschäft läuft so gut, dass nicht nur neue Jobs, sondern ganze Berufsbilder neu entstanden sind: Zu Stoßzeiten arbeiten hier neben dem eigentlichen Verkäufer ein Bierkastenstapler, ein Getränkeschrankauffüller und ein Getränkeschrankauffüllergehilfe. Die freundlichen Türken sind verständlicherweise begeistert von der Entwicklung und ihren zahlreichen Mitnahmeeffekten. Hinter ihrem Servicetresen wirken sie wie ungekrönte Könige der To-go-Gesellschaft.

Nicht ganz so begeistert von der Eventisierung des Viertels sind Teile der Anwohner. Die einen sehen darin den Vorboten der Gentrifizierung – die Eckkneipen verschwinden, aber dafür gibt es jetzt überall Bagels –, die anderen beklagen den Lärm und die Tatsache, dass ihre Hunde morgens durch Scherben Gassi gehen müssen. Doch auch hier ist Abhilfe auf dem Weg. Um die Versorgungskreisläufe der Party herum hat sich eine zweite Ökonomie gebildet, eine Ökonomie der Armut, die von den Brosamen der anderen lebt.

Sie stehen wie Geier zwischen den Feiernden, sie durchforsten die Mülleimer. Kaum geleert, wandern die Flaschen auch schon in Säcke und werden ordnungsgemäß dem Recycling zugeführt. Was dann noch übrig bleibt, tritt sich fest wie die Kronkorken, die im Teer zwischen dem Pflaster ein künstlerisches Muster bilden.

ZEIT ONLINE

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