Festival Piano City : Hausmusik für Fremde

13.10.2010 10:35 UhrVon Daniela Martens
Lieben Sie Brahms? Sophia Grevesmühl gehört zu den 70 Berliner Pianisten, die ihre Wohnzimmer beim Festival Piano City in Mini-Konzertsäle verwandeln. 30 weitere Aufführungen finden an öffentlicheren Orten statt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Lieben Sie Brahms? Sophia Grevesmühl gehört zu den 70 Berliner Pianisten, die ihre Wohnzimmer beim Festival Piano City in Mini-Konzertsäle verwandeln. 30 weitere Aufführungen...

Voll im Trend: Beim Festival Piano City laden Berliner Musiker Unbekannte in ihr Wohnzimmer ein und spielen ihnen etwas auf dem Klavier vor.

Das Treppenhaus ist eng und ziemlich grau. Zweiter Stock – ist das schon richtig? Nein, doch noch eine Etage höher. Ja, da öffnet sich eine schlichte Wohnungstür. Drinnen, zwischen Ficus, Brettspielen im Bücherregal, Laminatboden und Wandtattoo, wird man gleich auf Sergej Prokofjew und Johannes Brahms treffen – in Form von Tönen, versteht sich. Vorher begrüßt einen aber erst einmal die Besitzerin von Ficus und Büchern, Sophia Grevesmühl. Nachdem die 27-Jährige die Hände der 17 Besucher geschüttelt hat, setzt sie sich an ihr Klavier und spielt Melodien der beiden Komponisten. Die meisten Gäste hat sie nie zuvor gesehen, jetzt sitzen sie auf ihrem Bett, ihren Küchenstühlen, ihrem Sofa und lauschen.

Piano City heißt das Festival am 23. und 24. Oktober, bei dem sich 70 Berliner Pianisten ihre Gäste überall in der Stadt nach Hause holen. Manche sind Profis, andere Laien und einige etwas dazwischen. Organisiert wird das Ganze vom Radialsystem V. Die Musikmanagerin und Klavierlehrerin Sophia Grevesmühl ist eine der Heimpianistinnen, die beim Festival dabei sein werden, und sie hat für Journalisten und Organisatoren vorab schon mal eine Kostprobe gegeben, um zu demonstrieren, wie ihr Konzert am 24. Oktober gegen 15 Uhr in ihrer Kreuzberger Wohnung sein wird.

„Klavierspielen ist ja manchmal eine einsame Sache“, sagt sie, nachdem der letzte Ton von „Montague und Capulet“ aus Prokofjews „Romeo und Julia“ verklungen ist. Um das zu ändern, hat sie sich für das Festival beworben. Damit liegt sie im Trend. Denn längst sind die Zeiten vorbei, in denen Berliner nur Freunde und Verwandte über die Schwelle von Privatwohnungen ließen. Heute holt man sich Unbekannte über Internetseiten als Gäste nach Hause: als Couchsurfer, Mitesser – und Zuhörer für Hauskonzerte. Auch für das Festival kann man sich nur im Internet anmelden. Über jeden Pianisten gibt es dort ein kurzes Video. Aber erst wenn das Ticket gekauft ist, erfährt man die genaue Adresse. Vorher verrät einem das Programm nur den Stadtteil.

Piano City ist nicht das einzige Festival dieser Art: Vom 2. bis 7. November findet „Musik in den Häusern der Stadt“ in mehreren Städten statt – mit 19 Konzerten in Berlin (Informationen und Tickets unter www.kunstsalon.de). Auch mit anderen Instrumenten außer dem Klavier.

Bei Piano City hingegen sind nur Tasteninstrumente ohne Strom zu hören – aber in allen Stilrichtungen und Formen: Das „K1-Guerilla Piano“ der Künstlergruppe „Pimp My Piano“ erinnert eher an einen Lastwagen als ein Klavier. Manchmal ist auch der Ort eine besondere Attraktion: Eins der Konzerte ist etwa im letzten besetzten Haus in Prenzlauer Berg. Und in das kleinste Wohnzimmer passen nur acht Gäste: „Bei mir wird es laut, schnell und wild“, verspricht der Pianist Martin Grütter dafür. Einige Klavierspieler haben gar kein eigenes Wohnzimmer mit Klavier. Und so gibt es neben den „echten“ Wohnzimmerkonzerten auch welche an anderen Orten, die zu Wohnstuben umdekoriert werden: Im Radialsystem V und in der Philharmonie etwa, aber auch bei Ikea in Tempelhof. Das passt eigentlich ganz gut. Denn wie bei Sophia Grevesmühl werden wohl viele der „Konzertsäle“ dem Katalog des Möbelhauses ähneln.

Tickets ab 5,35 Euro nur im Internet unter www.pianocity-berlin.com

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