Film : Alles wird schlecht

Der neue Thriller mit August Diehl malt ein düsteres Bild von der Zukunft. Ein Hauch Herbstuntergangsstimmung war auch auf der Premiere am Mittwochabend zu spüren.

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Hand drauf. August Diehl spielt im Film einen idealistischen Kämpfer für eine postkapitalistische Welt – allerdings auch einen gewissenlosen.
Hand drauf. August Diehl spielt im Film einen idealistischen Kämpfer für eine postkapitalistische Welt – allerdings auch einen...Foto: Promo

Rund um den Viktoria-Luise-Platz kampieren hunderte ärmlich gekleideter Menschen in Zelten. Sie wärmen sich an kleinen Feuern, während andere wie Schemen an ihnen vorbeirennen, als wären sie auf der Flucht. Oder auf der Jagd.

Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Lars Kraume zeigt in seinem Drama „Die kommenden Tage“ (Kinostart am 4. November) die nahe Zukunft als ein düsteres Szenario des gesellschaftlichen Verfalls, in dem auch die Rückbesinnung auf die Familie keinen Schutz mehr gewährt. So drückt sich im Titelsong des Films eine nicht mehr stillbare Hoffnung aus: „Bring mich nach Hause“ singen Wir sind Helden. Bei der Filmpremiere gestern Abend im Cinestar am Potsdamer Platz präsentierte die Band diesen Song vom neuen Album. Dabei wehten gelbe Blätter über den roten Teppich – ein kurzes Sitzkonzert mit einem Hauch Herbstuntergangsstimmung. Danach stellten sich die Band, die Hauptdarsteller Johanna Wokalek, August Diehl und die im kurzärmeligen Kleid sichtbar frierende Bernadette Heerwagen sowie Regisseur Kraume Arm in Arm dem Blitzlichtgewitter der Kameras.

„Manchmal glaube ich, dass alles noch viel schlimmer kommen wird. Insofern ist mein Film bereits die gute Nachricht“, hatte der 37-Jährige einige Tage zuvor im Soho-Club an der Torstraße gesagt. In der einstigen SED-Zentrale fanden die Interviews zum Film statt – im passenden Ambiente. Denn alles in dem wuchtigen Haus und exklusiven Privatclub wirkt elitär und überdimensioniert und scheint im Vergleich zu Kraumes Ausblick auf Wirtschaftskollaps und bürgerkriegsähnliche Zustände von gleichgültiger Dekadenz.

„Während meiner intensiven Recherche über den Kampf um Öl und Wasser, die Immobilienblase und Entstehungszusammenhänge für Terrorismus stand ich oft vor einer Kurzschlussreaktion“, erzählt Kraume. So stand der Familienvater kurz davor, Konservenvorräte anzulegen und die Wanderrucksäcke zu packen, um sich im Notfall mit den Kindern zu Fuß aufs Land zu den Großeltern retten zu können. „Vor dem Börsencrash war es fast unmöglich, Förderer für den Film zu finden. Danach überhaupt nicht mehr“, sagt er mit einem ironischen Lächeln.

Zu den Unterstützern der ersten Stunde zählt neben Daniel Brühl vor allem August Diehl. Ihnen hat Kraume das Drehbuch auf den Leib geschrieben: Brühl spielt den ruhigen Realisten, der vor dem gesellschaftlichen Kollaps inmitten eines neuen Golfkriegs in eine kleine Tiroler Berghütte flieht. Raus aus dem chaotischen Berlin mit seiner neuen Skyline rund um den Alex, den bewachten, vergitterten Restauranteingängen und blutigen Demonstrationen. Und Diehl ist der idealistisch-gewissenlose Kämpfer für eine postkapitalistische Welt.

„Vielleicht gibt es tatsächlich eine Art peripheres Bewusstsein?“ Diehl ist sich da nicht sicher. Denn lange bevor er das Drehbuch las, hatte sich der 34-jährige, in Prenzlauer Berg lebende Schauspieler durch intensive Lektüre mit den Folgen der Wirtschaftskrise, der „Festung Europa“ und der großen Distanz zwischen Regierung und Bürgern beschäftigt. Kritik an der Politik lohne trotz all der Probleme doch schon lange nicht mehr, findet Diehl und setzt sein schönstes traurig-amüsiertes Lächeln auf: „Oder soll ich mich etwa gegen einen Herrn Westerwelle wehren?“

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