Filmtheater : Der Kinogärtner

Im elterlichen Blumengeschäft lernte er schon früh, wie man etwas zum Wachsen bringt. Dann wurde Georg Kloster Berlins erster Mann in der Filmtheater-Szene.

Jan Schulz-Ojala

Man könnte jetzt, passend zu den allerdunkelsten Tagen des Jahres, eine ganz, ganz traurige Geschichte erzählen. Mit einer langen Rückblende westalgisch an die glanzvollen Zeiten der Kinopaläste erinnern, als am Ku'damm noch die Filmbühne Wien und das Marmorhaus standen, das Astor und der Gloria-Palast - zu schweigen vom unglaublich riesigen Royal im Europa-Center. Als auch kleinere Kinos in der West-City überleben konnten, vom Olympia am Zoo bis zum Studio am Adenauerplatz, und erst die unzähligen Bezirkshäuser: Ein regelrechter Heldenkinofriedhof käme da zusammen, mit prächtigen Mausoleen für Namen wie Humboldt oder Maxim und zarten Grabkreuzen fürs Sylvia oder fürs Rixi.

Doch halt! Das Sylvia in Schöneberg lebt. Und das Rixi in Neukölln ebenso. Nur heißen sie heute Odeon und Neues Off. Sie gehören zu den ganz frühen Erwerbungen - oder sollte man sagen: Rettungsaktionen - eines Berliner Kinomachers, der damals Mitte 20 war, an der Wende der übersichtlichen 70er zu den noch immer übersichtlichen 80er Mauerjahren. Heute lenkt Georg Kloster, gern im Hintergrund bleibend, nichts Geringeres als ein mittelständisches Gesamtberliner Kinoimperium - vom Delphi bis zum International, vom Cinema Paris bis zum Filmtheater am Friedrichshain, vom Capitol bis zum Babylon Kreuzberg, nicht zu vergessen Broadway, Rollberg und Passage. Und das Yorck natürlich, mit dem vor 30 Jahren alles anfing und das bis heute der Firma ihren Namen gibt. Und sein Profil: Vorsichtig bürokratisch "Filmkunstbereich" nennt Kloster das Gebiet, auf dem er tätig ist - und tatsächlich, ohne ihn hätte diese Stadt ihren Nimbus als Metropole erstklassiger Kinos längst verloren.

Am Anfang war das Abenteuer, dann kam die gute Zeit und schließlich der Dauerkrieg. In Dekadenschritten lässt sich abmessen, wie Georg Kloster diese Stadt auf seine leise Weise erobert hat und wie eher mühevoll er in ihr heute zurechtkommt - und in seinem schmalen Gesicht zeichnet sich all das manchmal fast gleichzeitig ab, ein Gewitterleuchten aus Spaß und Stolz und Sorgen. Der hochgewachsene 52-Jährige setzt auf Unauffälligkeit. Gerne im dunklen Blazer, mit offenem Hemd und in Jeans unterwegs, ist er eine ebenso elegante wie uneinschüchternde Erscheinung. Ohne ihn geht nichts im Berliner Kino leben, andererseits sucht man ihn auf den reichlichen Remmidemmi-Terminen dieser Stadt vergebens. So paradox es klingt: Georg Kloster ist eine Berühmtheit, die keiner kennt.

"Ich habe von klein auf gearbeitet"

Ehrgeizig, seriös, zuverlässig: Das sind die Adjektive, mit denen er sich identifiziert, und auf die Erkundigung nach der eigenen Eitelkeit, die bei einiger Lebensleistung mitunter nicht ausbleibt, antwortet der geborene Westfale wie auf alle Fragen mit der größten Sorgfalt der Welt. "Ich ärgere mich nicht, wenn ich nicht beachtet werde oder wenn ein anderer unberechtigt gelobt wird", sagt er. Und präzisiert: "Das tue ich nur, wenn ich objektiv zurückgedrängt oder beleidigt werde." Gerade so dürfte er seinen ziemlich geraden Weg gegangen sein, seine Chancen abwartend und entschlossen nutzend, vom Aushilfsjobber an der Kasse im Zehlendorfer Bali bis zum Besitzer von zwölf Berliner Kinos mit rund neun Millionen Euro Jahresumsatz und zum Chef über rund 200 Mitarbeiter. Apropos Chef, werden Sie geliebt oder gefürchtet? "Gemocht schon", kommt die Antwort nach einigem Nachdenken. "Ich bin nicht der autoritäre Durchgreifer."

Das Vorsichtige, das sich ins Umsichtige verwandelt: In jedem Leben kommt das von weit her, bei Georg Kloster vielleicht ganz besonders. "Ich habe von klein auf gearbeitet", sagt er, und das Reden ist ein langer, manchmal sich sachte windender Fluss, "meine Eltern hatten überhaupt keine Freizeit." Von morgens um sieben bis abends um neun betrieben sie ihre Friedhofsgärtnerei in der Kleinstadt Gescher im Münsterland, "und schon als Dreijähriger habe ich Blumen mit ausgetragen zu Hochzeiten, Namenstagen, Geburtstagen". Auch später als Schüler verdiente er sein erstes Geld im elterlichen Betrieb. Und dass er eines Tages auf die Realschule ging, das war damals eine mittlere Sensation. Sensation? Nein, Kloster hat bestimmt "ein ungewöhnlicher Vorgang" gesagt. Oder so was Ähnliches. "In der Verwandtschaft besuchten alle nur die Volksschule."

Die Eltern, immerhin, haben ihn machen lassen. Und so kam das Aufbaugymnasium im nahen Coesfeld statt der Vorbereitung auf die Übernahme der väterlichen Gärtnerei, so kam das Studium in Köln und, nach verschiedenen Numerus-clausus-Ausweichbewegungen, der Wechsel nach Berlin. Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sollten es, weil das Dreikommanull-Abi inklusive Blitz latinum nicht mehr zuließ, für den kino- und kamerabegeisterten jungen Mann schon sein; und irgendwann im vierten Semester war die Zeit reif für jenen eigentlich unspektakulären Maiabend im Bali, der im Leben des Filmfreaks Georg Kloster alles veränderte. Gegeben wurde Theo Angeloupoulos' 230-Minuten-Epos "Die Wanderschauspieler", Kloster lernte auf der späten S-Bahn-Heimfahrt zufällig die Kinomacher kennen, und anderntags hatte er den Job an der Kasse.

Bald hatte er Kredit beim Publikum

Manfred Salzgeber, später jahrelang Panorama-Chef der Berlinale, führte damals das Bali als erstes Programmkino Deutschlands. Froh erinnert sich Kloster an die Filmthemen in jenem deutschen Sommer und Herbst 77. "Frauen in der Gewerkschaft, Palästina, Wallraff bei ‚Bild', AKWs": Lückenlos ruft sein Gedächtnis die monatlich wechselnden Programme ab. Ein Ganztagsjob im Kino muss das gewesen sein, fast wie als Kind in der Gärtnerei, vom Putzen morgens bis zum Kassendienst nachts. Bald war Schluss mit der Uni und ihren Kapitalkursen. Denn Georg Kloster, eben 22 geworden, hatte mit dem Yorck Salzgebers zweites Berliner Programmkino übernommen.

In dem Haus mit dem uralten Holzgestühl - Kloster baut es bald komfortabel aus und um, weshalb er von noch linkeren Linken als Verräter an der guten, spartanischen Sache geschmäht wurde - lernte er das Programm-Machen auf eigene Verantwortung. Oder wie Kinoleute sagen: die Disposition, kurz: Dispo. Und hatte damit bald Kredit beim Publikum. So viel, dass er mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit begann, die versteinerten West-Berliner Kinoverhältnisse jener Jahre aufzumischen. Am Ku'damm regierten unangefochten Schachtelkinokönig Volker Riech und Zoo-Palast-Chef Max Knapp - "Der eine spielte Disney, der andere Bond" -, den Bezirken blieben das laue Nachspiel sowie die Programmkinos mit Wiederaufführungen und exotischen Reihen. Kloster setzte Premieren nun peu à peu auch in Kreuzberg durch, schließlich wollte er "attraktives Kino auch dort anbieten, wo die Menschen wohnen". Und 1979 drängte er mit der Übernahme des Broadway am Tauentzien in den eisern vermessenen Erste -Lage -Markt. Fast Zufall war das damals. "In der Ladenpassage hing ein verwittertes Plakat mit einem Karate-Titel", erinnert sich Kloster, und die Nachfrage beim Hauswart förderte ein funktionsfähiges Kino zutage. "Man musste nur aufschließen und konnte sofort loslegen."

Das müssen die glücklichen Jahre gewesen sein, kurze Jahre, wenn man aufs Ganze sieht. Kloster bezog jene große Wohnung in Kreuzberg, in der er heute noch lebt, und eröffnete in der Rankestraße ein Büro mit reichlich Stuck und knarzendem Parkett nebst Blick auf die Gedächtniskirche - sein Job-Zuhause, das er im Lauf der Jahre vergrößerte, immer mit Sinn fürs bescheidenstmögliche Klingelschild. Zum Gespräch kann man sich heute in Türcode-gesicherte, entlegene Konferenzräume zurückziehen, vom Citylärm gänzlich ungestört. Und sich etwa an die Eröffnung des ersten Berliner Originalfassungskinos Odeon (1982) erinnern, an die Rettung des heruntergerockten Delphi (1984), an die schönen Umsätze in der Neuköllner Passage (ab 1989), bevor die Multiplexe die fetten Jahre jäh beendeten. Und ein Ereignis, das nur auf den ersten Blick ein glattes Expansiongeschenk versprach: der Mauerfall.

Glücksgriffe tun gut - besonders jene, die die Kollegen verblüffen

Die Multiplexe und das neue Berlin: Gründlich hat beides die kinogärtnerische Aufbauarbeit des Georg Kloster verhagelt, die liebevolle Hege der Donnerstag für Donnerstag nachwachsenden neuen Pflänzchen. Ein "Ärgernis" nennt Kloster manche Strukturprobleme seither, und der Begriff ist im Wortschatz des zurückhaltenden Formulierers fast schon hustenreizstarker Tobak. Dass sich binnen weniger Jahre die Zahl der Kinositzplätze in Berlin fast verdoppelte, nicht jedoch die Zahl der Zuschauer: nun ja, das war zunächst eher eine Herausforderung als ein Ärgernis. Aber dass "staatlich subventionierte Häuser ins Wirtschaftsgeschehen eingreifen" - gemeint sind die Treuhand-Unterstützung für die Kinos Kulturbrauerei und Cubix sowie die staatliche Förderung für das Babylon Mitte - und nun in Klosters Filmkunstgewässern fischen: ein Ärgernis. Dass der deutsche Marktführer Cinestar, eigentlich für Mainstreamware zuständig, als Konkurrent "nicht unbedingt zimperlich ist": noch ein Ärgernis, das die allwöchentliche Disposition immer schwieriger macht. Und dass schließlich die defizitären Kinoketten immer wieder mit Mutterhaus-Millionen gestützt werden, während die notleidenden Filmkunsthäuser vom Staat kühl geschnitten werden, stinkt zum Himmel. Nur Kloster würde es niemals so drastisch ausdrücken. Lieber sagt er: "Jammern ist unsexy."

Und dennoch: Wenn zudem, wie in den letzten zwei Jahren, Filme wie "Match Point" oder "Sommer vorm Balkon" fehlen, die bei einer überschaubaren Kopienzahl rund eine Million Zuschauer locken und das Überleben aller Filmkunstkinos sichern, dann wird das Geschäft richtig sauer. Zwar erzielt Kloster nach eigener Einschätzung mit seinen 28 Sälen und gut 5000 Plätzen etwa ein Sechstel des Berliner Kinoumsatzes und kann von den Verleihern folglich fast jeden Film fordern, der auf den Markt kommt, aber die wöchentliche Feinarbeit des Welchen- Film- wie-lange-wohin macht nur noch bedingt Spaß. "Tägliches Schachspiel" nennt er die Aufgabe, die nebenbei ein Talent zu Monopoly und Memory ebenso wie zu Poker und Patience erfordert. Es ist ein Job, der sich schlecht delegieren lässt, weswegen Kloster, wie zuletzt nach einer langwierigen Sportverletzung, nie von der Filmsichtung am Riesen-Laptop lässt und sich seine kurze Mai-Reise nach Cannes seit langem mit zarter Selbstironie zum Jahresurlaub hochredet. Und noch etwas: Der Job macht einsam, so langsam wie sicher.

Da tun Glücksgriffe gut - am besten jene, die die Kollegen verblüffen. Als vor vier Jahren die meisten Kunstkinomacher auf Constantins "Untergang" setzten, obwohl der Film auch breit von den Multiplexen gebucht war, wählte Kloster die zeitgleich startende Philharmoniker-Doku "Rhythm Is It" für sein Paradehaus Delphi - und landete damit wochenlang einen Hit. Ähnlich gut lag er später mit den scheinbaren Außenseitern "Prinzessinnenbad" und "Die große Stille", einer Doku über den Jahreslauf in einem französischen Kartäuserkloster. In der Branche gilt er nicht erst seither als der Mann mit dem besonderen Riecher, ja, als einer, der die Chancen neuer Kinofilme atemberaubend präzise voraussagen kann. Behutsam wischt Kloster das Kompliment beiseite. "Das sind nie meine Kategorien gewesen", sagt er. "Also gut", und nun schwingt er sich zu geradezu schwindelnd hohem Selbstlob auf, "ich hab schon manchmal bewiesen, dass ich ganz gut liege."

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