Filmtheater Hackesche Höfe : Ich bin dann mal weg

Im Filmtheater in den Hackeschen Höfen kann man sich schon nachmittags im Kinosessel entspannen. Besucher gönnen sich hier eine verlängerte Mittagspause. Gerhard Groß mag diese besondere Stimmung.

Christoph Stollowsky
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Die Ruhe vor dem Abenteuer. Sich tief in den Kinosessel zurückzulehnen und in eine andere Welt entführen zu lassen, ist im...

Das ist für mich immer wieder ein wunderbarer Augenblick: Der Vorhang geht auf, ich lehne mich tief zurück in den Kinosessel. Dann gebe ich mich den Bildern und Geschichten auf der Leinwand hin und bin plötzlich in einer anderen Welt. Dieses Anfangsgefühl hatte ich schon als Junge bei meinen ersten Kinobesuchen – und es hört nie auf. Auch deshalb freue ich mich jeden Morgen aufs Neue über meinen Job als Kinobetreiber. Hier, in meinem eigenen Filmtheater, bin ich ganz nah dran an der Faszination Kino. Und hier bietet sich mir die Chance, alles dafür zu tun, dass andere dieses Erlebnis haben können.

Bei uns kann man auch tagsüber ins Kino gehen und am Sonntag Matineevorführungen erleben. Vor ein paar Jahrzehnten war das noch in vielen Filmtheatern möglich, heute ist es selten geworden. Die meisten Betreiber sind längst vor dem großen Konkurrenten Fernsehen in die Knie gegangen. Na ja, Vorführungen am Nachmittag sind auch bei uns nicht immer wirtschaftlich. Manchmal sitzen zwei oder zehn Besucher im Saal. Die freuen sich dann und sagen, toll, ist ja richtig intim und gemütlich bei euch. Aber selbst bei mehr Publikum spüre ich nachmittags eine besondere Stimmung.

Die meisten unserer Gäste, die schon zu dieser Zeit kommen, gönnen sich einfach mal eine Pause. Zwei Stunden den Alltag hinter sich lassen, alles andere vergessen, Ungewöhnliches erleben. „Das tut gut“, sagen viele. Danach stürzen sie sich gestärkt in den Trubel. Die Besucher sind bunt gemischt. Manche kommen direkt vom Job und gehen anschließend zurück ins Büro. Andere versüßen sich einen freien Tag, Schüler und Rentner gehören dazu. Die meisten wollen nicht nur leichte Unterhaltung, auch anspruchsvolle Streifen kommen gut an.

Zum Kinogenuss gehört natürlich mehr als der richtige Film. Die Cineasten sollen sich in unseren fünf Vorführsälen wohlfühlen. Der Kleinste ist mit 44 Sitzen kuschelig, der Größte hat 300 Plätze. Überall haben wir die gleiche Designidee verwirklicht. Das Auge soll Ruhe finden. Der Raum darf nicht von dem ablenken, was auf der Leinwand passiert. Hier gibt es keine plüschige Bespannung, stattdessen Sachlichkeit, klare Linien. Deshalb haben wir die Betonträger, die Lüftungsschächte oder Kabelbündel nicht verblendet. Deshalb sieht man hinter der Leinwand im Saal 2 die unverputzten Backsteine des historischen Baus, in dem wir uns hier befinden. Der Nadelfilzboden ist grau, die Sesselbezüge sind Pfeffer-und-Salz. Das alles gibt dem Raum Höhe und Luftigkeit.

Die Freude am Kino zieht sich durch mein ganzes Leben. Schon als Schüler habe ich in meiner pfälzischen Heimat Filmvorführungen mit dem 16-Millimeter-Projektor organisiert. Später, während meines Philosophie- und Germanistikstudiums in Trier, habe ich mich fürs Studentenkino eingesetzt, dann, ab 1992, mit Freunden eine Filmservice-Firma in Berlin betrieben, die „Timebandits“. Wir haben technische Ausrüstungen vermietet, die man zum Drehen braucht. Zugleich hatten wir in der Kulturfabrik an der Osloer Straße in Wedding das Kino Eisenstein.

Unser Timebandits-Büro war hier im Nachbarhaus. Kein Wunder, dass wir die Hackeschen Höfe schnell entdeckten. Damals begann die Sanierung dieses faszinierenden Ensembles. Im Hauptgebäude des ersten Hofes gab es seit 1906 zwei hohe, übereinanderliegende Festsäle. Der untere ist original erhalten, er beherbergt heute das Varieté Chamäleon. In den oberen wurde in den 30er-Jahren eine Zwischendecke eingezogen. Als ich mich 1994 mit einem Partner für diese beiden Etagen bewarb, waren dort noch Werkstätten. Wir hatten eine Vision, unser Kino sollte ein Filmkunsthaus sein, ein „Arthouse-Kino“. Kein Multiplex-Palast, aber auch kein Alternativkino ohne Popcorn und moderne Technik. Hier gibt es Komfort, von der Lounge bis zum Kinosessel und nachmittags wie abends von uns ausgewählte Spielfilme. Außerdem zeigen wir Dokumentarfilme und legen Wert auf Matineevorführungen.

Häufig werde ich gefragt, ob ich mich jemals in meinem eigenen Kino entspannen kann. Na ja, nur schwer. Ich bin ja Gastgeber. Da sind ständig meine Antennen ausgefahren: Ist der Ton gut? Das Bild scharf? Fühlen sich die Gäste wohl? Es gibt ja noch etliche andere gute Kinos in der Stadt. In denen kann ich tatsächlich abschalten.

Aufgezeichnet von

Christoph Stollowsky

Hackesche Höfe Kino, Rosenthaler Straße 40/41, Telefon: 2834603, im Internet: www.hoefekino.de.

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