Firmenschließung : Berliner Mini-Autokrise: Wiking zieht weg

Seit fast 70 Jahren baut die in Lichterfelde gegründete Firma Wiking Jungen- und Männerträume aus Plastik. Kleine Autos wurden schon mal für 10 000 Euro versteigert. Doch jetzt verlässt das Unternehmen Berlin.

Andreas Conrad
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Der Flughafen war noch nicht mal richtig im Angebot, ja nicht mal geschlossen, da war er bereits vergriffen. Das Themenset mit einer Ju 52 im Maßstab 1 : 200, dazu in 1 : 87 einem alten Büssing-Doppeldecker der Linie 77 zum Flughafen Tempelhof (mit „Möbel Hübner“-Werbung), einem VW-Bulli von „Feinkost Pfennig“, einem Elektrokarren vom „Zentralflughafen Tempelhof“ sowie einigen Kleinteilen – restlos ausverkauft.

Der Karton mit den begehrten Modellen zur hiesigen Verkehrsgeschichte war gewissermaßen das Abschiedsgeschenk der Firma Wiking Modellbau GmbH & Co. KG an Berlin. 1939 in Lichterfelde gegründet, 1986 nach Tempelhof gewechselt, steht ihr Wegzug unmittelbar bevor. Wahrscheinlich noch vor Weihnachten werde das Gros der Produktion abgezogen, sagt Wiking-Vertriebsleiter Andreas Kröber. Nur die Konstruktionsabteilung, also die Zeichner der neuen Modelle, und Teile der Lackiererei bleiben noch bis März hier. Verteilt werden die Bereiche auf den Firmenhauptsitz Lüdenscheid und das polnische Werk Zlotoryja (ehemals Goldberg), etwa 80 Kilometer vor Warschau. 35 Mitarbeiter sind betroffen, nur einer wollte das Angebot wahrnehmen, in Lüdenscheid anzufangen.

Vertrieb und Verwaltung waren schon lange im Sauerland. Bereits 1984 hatte die dortige Sieper-Gruppe, deren Marke Siku mit Wiking konkurrierte, die Berliner Firma übernommen, die ihre eigene charakteristische Linie aber behielt und unter Sammlern noch immer in höherer Gunst steht, wie man in der Modellbahnfundgrube „Michas Bahnhof“ in der Nürnberger Straße 24a in Charlottenburg weiß. Auch dort ist das Tempelhof-Set nicht mehr zu haben, dafür aber jede Menge andere Wiking-Modelle, für Lokalpatrioten etwa ein Dreier-Set historischer BVG-Busse mit der Aufschrift „750 Jahre Berlin“ für 45 Euro.

Mit Wiking verlässt Berlins größter Fahrzeughersteller die Stadt, jedenfalls was die produzierten Stückzahlen betrifft. Über eine Million pro Jahr, so gibt Andreas Kröber den Ausstoß des Werkes in der Tempelhofer Industriestraße 1 – 3 an, überwiegend im Maßstab 1 : 87, der erst durch Wiking in Deutschland populär wurde. Zum Sortiment gehören Personenwagen, landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge, Feuerwehrautos, Busse, Oldtimer, eine Handvoll Helicopter und – der Versuch, ein weiteres Marktsegment zu erobern – eine ferngesteuerte Feuerwehr. Die Ursprünge der Firma sind nur noch in einigen Sportbooten auf Autoanhängern präsent.

Am Anfang stand dagegen die Liebe des Firmengründers Friedrich Karl Peltzer zur Marine. Das lag für den Sohn eines Marineoffiziers, geboren 1903 in Berlin, nahe, war aber als Modellbauleidenschaft zunächst nur privates Vergnügen. Erst am 3. Dezember 1939 wurde daraus ein Beruf, als die Firma Wiking-Modellbau Peltzer & Peltzer ins Handelsregister eingetragen wurde. Unzählige miniaturisierte Jungen- und Männerträume als Kunststoff nahmen seither ihren Ursprung auf dem Firmengelände Unter den Eichen 101 in Lichterfelde und später in Tempelhof. Im soeben ausgebrochenen Krieg schoben sich bald Autos und Flugzeuge in den Vordergrund. Die Wehrmacht brauchte Sandkastenmodelle, die Luftwaffe Trainingsmaterial für die Feinderkennung – Wiking war plötzlich Rüstungsbetrieb.

In der raschen Erholung des Unternehmens nach dem Krieg spiegelte sich erneut deutsche Geschichte: das Wirtschaftswunder und die rasche Motorisierung der westdeutschen Bevölkerung. Volkswagen gehörte zu den ersten Kunden und ist auch heute noch einer der wichtigsten Partner für die Firma Wiking, deren Gründer Peltzer 1981 starb.

Der Wechsel unter dasselbe Dach wie Siku drei Jahre später hat der Marke nicht geschadet, auch die Auflösung des Berliner Standorts dürfte an der Popularität der Wiking-Modelle nichts ändern. Erst am Wochenende war in dem auf Wiking spezialisierten Kölner Auktionshaus Saure für einen kleinen Sattelzug, aus der Vorserie für ein Werbemodell der Firma Englebert, mit 8200 Euro das zweitbeste Ergebnis erzielt worden. Das beste ist seit Juni 2006 unerreicht: Für einen maigrünen Mercedes-Tankwagen, 1962 für Thyssen als Werbemodell produziert, gab es exakt 10 100 Euro.

Weitere Informationen zur Wiking Modellpalette und -Geschichte sowie zum Auktionshaus unter:

www.wiking.de

www. auktionshaus-saure.de

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