Fixies : Ungebremster Nervenkitzel auf dem Asphalt

Nicht nur bei Kurieren finden sich immer wieder die gefährlichen Fixies ohne Bremsen. Bei Wiederholung kassiert die Polizei das Rad ein.

Stefan Jacobs
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In der Minimalversion dient bei Fixie-Rennrädern nur die starre Verbindung des Antriebs mit dem Hinterrad als Bremse.-Foto: Kai-Uwe Heinrich

Tony verkauft in seinem Laden in Prenzlauer Berg sogar Damen-Fixies. Aber eigentlich sind Frauen viel zu vernünftig dafür – zumindest für die radikale Version. Denn die Fixies bei Tony haben nichts mit der gleichnamigen Windel zu tun. Sie sind das Gegenteil von Kinderkram: Superleichte Rennräder, die ursprünglich für den Bahnradsport gedacht waren und in der minimalistischen Variante keine Bremsen haben. Erst wurden sie von Kurieren gefahren, aber neuerdings zunehmend auch von Menschen, denen andere Nervenkitzel eher zu empfehlen wären.

Nur das Talent des Fahrers kann ein Fixie stoppen. Es hat keinen Freilauf, sondern eine feste Verbindung zwischen Zahnkranz und Hinterrad („Fixed Gear“), so dass ständig getreten werden muss. Als „Notbremse“ dienen die gegen den Lenker gestemmten Schenkel des Fahrers, die dem Druck des Hinterrades auf die Pedale widerstehen müssen. Das ist härter, als die Polizei erlaubt. Weil den Beamten bei Kontrollen seit etwa einem Jahr immer mehr Fixiefahrer in die Hände fielen (manchmal auch im Wortsinne), mussten schärfere Waffen her als der Zehn-Euro- Standardtarif für fehlende Klingeln & Co.

Als Mensch findet Hauptkommissar Rainer Paetsch die Fixie-Fraktion „nicht unsympathisch“ und sagt, er könne sich „da auch irgendwie reinversetzen“. Der Fahrradhelm auf dem Schrank in seinem Polizistenbüro illustriert, dass er das wohl nicht nur präventiv deeskalierend dahersagt, sondern wirklich meint. Als Polizist und Verkehrsunfallbekämpfer allerdings konstatiert Paetsch: „Auf Einsicht können wir bei dieser Klientel nicht hoffen. Also zwingen wir sie zu ihrem Glück.“ Im April kündigte die Polizei also an, bremsenlose Fixies zur Gefahrenabwehr einzuziehen. In den folgenden drei Monaten wurden 23 der zumeist edlen Renner einkassiert. Zwölf davon stehen noch immer im Depot in der Belziger Straße, weil sie entweder nicht abgeholt wurden oder die Eigentümer nicht den Eindruck machten, als würden sie entweder eine Bremse nachrüsten oder sich künftig vom Straßenverkehr fernhalten.

Benno Koch, Fahrradbeauftragter des Senats, hat mit der Polizei verhandelt, weil er fand, dass Einkassieren plus Verschrottung androhen übertrieben ist. Seit Ende Juni gilt nun die neue Parole, dass ein erwischter Fixiefreund bei der Premiere 80 Euro zahlen muss und drei Punkte in Flensburg sowie den Hinweis bekommt, dass beim zweiten Mal 160 Euro fällig werden und das Fahrrad weg ist. „Seitdem hatten wir noch keinen Wiederholungstäter“, sagt Paetsch.

Fahrradhändler Tony, der selbst seit 2005 Fixie fährt, hat wie die meisten seiner Kunden eine Vorderradbremse nachgerüstet. „Wir lassen kein Rad mehr ohne Bremse aus dem Laden“, sagt er und berichtet von „immer mehr Polizeikontrollen“. Beim Radfahrerclub ADFC war sogar von „Hexenjagd“ die Rede und angesichts der vielen Unfälle wegen unaufmerksam abbiegender Autofahrer von falsch gesetzten Prioritäten. Paetsch dementiert: Es gebe keinerlei Fixie- Schwerpunktkontrollen.

Das Ausmaß des Problems können die Beteiligten ohnehin nur schätzen. Verkäufer Tony schätzt, dass 500 bis 1000 Fixies in Berlin unterwegs sind. Polizist Paetsch tippt nach Studium einschlägiger Internetforen auf zwei- bis dreitausend, was der Fahrradbeauftragte wiederum für übertrieben hält. Selbst die Unfallzahlen sind ungesichert: Ein von der Polizei kürzlich gemeldeter „schwerer Fixie-Unfall“ lag bei näherer Betrachtung eher an einem zu schnellen und/oder unaufmerksamen Fahrer. So bleiben nur die dramatischen Motorhaubenflugbeschreibungen der Großstadtindianer im Internet. Und zwei Fälle, in denen Fixie-Fahrer der Polizei davonradeln wollten und dann den quer gestellten Streifenwagen rammten.

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