Flashmob : Kommando Klingelton

Wie das Startsignal klingt, ist noch geheim. Nur, dass es kommt, und zwar am Samstag um 15 Uhr auf dem Alexanderplatz, das steht fest. Und dann werden hunderte junger Menschen blitzartig ihre Handys einschalten und anfangen zu tanzen. Jeder zu der Melodie, die gerade aus seinem Gerät dröhnt. Einen Sinn ergibt das nicht unbedingt. Aber das brauche es auch gar nicht.

Sebastian Leber

BerlinWie das Startsignal klingt, ist noch geheim. Nur, dass es kommt, und zwar morgen um 15 Uhr auf dem Alexanderplatz, das steht fest. Und dann werden hunderte junger Menschen blitzartig ihre Handys einschalten und anfangen zu tanzen. Jeder zu der Melodie, die gerade aus seinem Gerät dröhnt. Einen Sinn ergibt das nicht unbedingt, sagt Sidney Thom. Aber das brauche es auch gar nicht.

Sidney Thom muss es wissen. Der 20-Jährige hat sich die Tanzaktion ausgedacht. Seit Wochen ruft er im Internet dazu auf, und dass viele Freiwillige kommen werden, daran besteht kein Zweifel. Der Pankower hat Erfahrung damit, junge Leute dazu zu bringen, in der Öffentlichkeit etwas offensichtlich offensichtlich Sinnloses zu tun: Vor fünf Wochen schleuste er Hunderte auf Kommando zum Ostbahnhof – nur um dort bei McDonald’s 10355 Burger zu bestellen. Es war die größte Burger-Bestellung der Welt, sechs Stunden dauerte es, bis der letzte gebraten war. Thom selbst aß fünf Stück, am Ende hat es ihm nicht mehr geschmeckt, sagt er.

Eigentlich ist Sidney Thom Polsterreiniger, er liebt Fußball, bei Union steht er oft in der Fankurve. Seit der Sache im Ostbahnhof ist er ein Star unter Deutschlands „Flashmobbern“. So heißen die Großstadt-Jugendlichen, die sich zu ungewöhnlichen, meist nur wenige Sekunden dauernden Aktionen verabreden. Die einen rennen ins Möbelhaus, um dort auf Kommando Betten zu testen, andere treffen sich in Bahnhöfen und erstarren zu Salzsäulen. Die Idee kommt aus New York, 2003 gab es bereits eine kurze Flashmob-Welle in Deutschland. Jetzt ist sie zurück und so groß wie nie – auch dank Thom und seinen Kumpels, sie nennen sich „Sturm Crew Berlin“. Nur eines ist noch immer nicht restlos geklärt: Was soll der Quatsch eigentlich?

„Über unsere letzte Aktion hat die Presse viel geschrieben“, sagt Thom. „Auch Fernsehteams waren da.“ Doch die meisten Berichte seien verdreht gewesen: „Manche hielten das zum Beispiel für einen Werbegag von McDonald’s.“ Ebenso wenig gehe es ihm um eine politische Botschaft. Nein, der Reiz eines Flashmobs bestehe schlicht darin, bei „etwas Spektakulärem dabei zu sein“. Und die Augen der irritierten Passanten zu sehen, die plötzlich die Welt nicht mehr verstehen. So soll es auch morgen auf dem Alexanderplatz sein: Die einen tanzen, die anderen wundern sich. „Das ergibt ein schönes Gesamtbild."

In Washington fand vor drei Wochen ein ähnlicher Mob statt. Dabei wurde es brenzlig: Eine Gruppe tanzte nachts vor dem berühmten Jefferson-Memorial, die Polizei schritt ein und nahm eine Teilnehmerin wegen Ruhestörung und Widerstands gegen die Staatsgewalt fest. Die Frau gilt in der Szene nun als Heldin. Auf dem Alexanderplatz werde es keinen Ärger geben, glaubt Thom. Mit der Berliner Polizei hat er gute Erfahrungen gemacht. „Die helfen eher, damit alles glatt läuft.“
Überhaupt hält der Pankower „das, was wir veranstalten, für ein positives Zeichen“. Denn es vermittele ein Bild von Jugendlichen, die sich freuen können und harmlos Spaß haben. „Gerade jetzt ist das wichtig, wo doch im Fernsehen immer nur gezeigt wird, wie böse Jugendliche Rentner schubsen“.

Zum Weltkindertag am 1. Juni plant die „Sturm Crew Berlin“ bereits die nächste Aktion – es soll ihre bisher größte werden. Sidney Thom will dazu aufrufen, sich an einem noch nicht bekannten Ort einzufinden und alte Stofftiere mitzubringen. Die sollen dann auf ein Signal hin in die Luft geworfen und später an eine wohltätige Organisation gespendet werden. „Das wäre mal etwas Soziales“, findet der Chefplaner. Einziges Problem: Er hat noch keine Hilfsorganisation gefunden, die so viele Stofftiere annehmen möchte.  „Wir haben schon mit einigen verhandelt. Aber die wollen alle nur Geld.“

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