Formel 1 : Völlig abgedreht

Hans Mahr, der ehemalige RTL-Chef, möchte die Formel 1 nach Berlin holen. 1959 gab es das letzte Spektakel dieser Art in Berlin – mit tragischen Folgen.

André Görke

Vor ziemlich genau 25 Jahren donnerte James Bond am Hüttenweg in Zehlendorf entlang – oder konkret: an der imaginären Ausfahrt „Feldstadt“. Im Alfa Romeo lieferte sich Roger Moore eine hübsche Verfolgungsjagd auf der Avus, damals im Bond-Klassiker „Octopussy“.

Die rasanten Bilder aus West-Berlin waren in jedem Kino zu sehen. Geht es nun nach Hans Mahr, ehemals RTL-Chef und Formel-1-Lobbyist, sollte bald wieder ein flottes Autorennen in Berlin stattfinden, ein richtiges gar. Das wäre „das Größte, was man für den Motorsport in Deutschland machen könnte“, erzählte Mahr gestern im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Bis zu 200 000 Zuschauer würden sicherlich dabei sein. „Für Berlin wäre das eine wahnsinnige Werbung“. Ein ähnliches Gedankenspielchen wurde bereits zuvor aufgestellt, weil die Macher der Formel 1 liebend gern in der Pariser Innenstadt ein Rennen austragen würden. In Singapur dürfen die Autos am 28. September sogar nachts durch die Stadt rasen. Warum also nicht auch in Berlin?

Nun hat der Motorsport in der Stadt gewiss eine Tradition. Nicht ohne Grund befinden sich Tribünen an der 1921 gebauten „Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße“, kurz: Avus. Doch von dem Gedanken, ein Rennen nach Berlin zu holen, hält niemand etwas: „Solche verrückten Ideen gab es für die Avus und auch für die Nachnutzung von Tempelhof. Wir lehnen es kategorisch ab“, sagte Manuela Damianakis, Sprecherin von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Und ja, natürlich würden die spektakulären Rennbilder um die Welt gehen, meint der Medienmanager der Berlin Tourismus Marketing, Christian Tänzler. Aber auch er kann sich nur schwer ein Formel-1-Rennen in Berlin vorstellen, schon gar nicht, sagen wir, auf dem Ku’damm.

Nun hat Ex-RTL-Chef Mahr selbst betont, dass er „grün angehaucht“ sei und ökologische Bedenken verstehen könne. Allerdings verpesteten ein paar Rennautos die Luft lange nicht so wie, sagen wir, 70 000 Fans, die zum Fußballstadion fahren. „Es ginge auch mehr um die Botschaft“, sagt die sportpolitische Sprecherin eben jener Grünen, Felicitas Kubala. „Berlin ist eine umweltfreundliche Stadt.“ Deshalb unterstütze man eher populäre Sportveranstaltungen wie den Marathon. „So ein Autorennen macht viel zu viel Lärm und ist gefährlich.“

Das letzte Autorennen in Berlin fand vor zehn Jahren statt. Am 3. Mai 1998 flatterte die schwarz-weiß karierte Flagge noch einmal im Wind. Vorbei war es damals mit großen Rennen und schweren Unfällen wie dem am 1. August 1959, als der Franzose Jean Behra ums Leben kam. „Todessturz auf der Avus“, titelte der Tagesspiegel damals. Bei einem Gewitterschauer war Behra aus der steilen Nordkurve – heute ein ziemlich ungemütlicher Lkw-Parkplatz – hinausgedonnert und gegen eine alte NS-Flakstellung geprallt. Behra flog aus dem Wagen und wurde gegen einen Fahnenmast geschleudert, der „umknickte wie ein Streichholz“, wie der Tagesspiegel damals schrieb. Im Hildegard-Krankenhaus an der Masurenallee/ Ecke Thüringer Allee konnte nur Behras Tod festgestellt werden. Einen Tag später fand das erste, traurigste und auch letzte Formel-1-Rennen in Berlin statt.

Rennfahrer nannten die Nordkurve fortan „Rutschbahn in den Himmel“ oder „Wall des Todes“. 1967 wurde sie abgerissen, was den Planern des gewaltigen Autobahndreiecks am Funkturm nicht ungelegen kam. Fortan fanden nur noch kleinere Autorennen statt wie die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft.

Von der Avus-Tribüne sind es übrigens 147,49 Kilometer bis zum Lausitzring, einer von drei Formel-1-tauglichen Strecken in Deutschland. Und zwei von denen, Hockenheim- und Nürburgring, haben sowieso langfristige Verträge.

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