Fotografie : Knipsen, wedeln, warten …

… und übers Foto freuen! Polaroid ist zurück. Liebhaber und Künstler lassen den Klassiker in Mitte wieder aufleben. Denn Digi-Cam und Foto-Handy hat jeder, aber Polaroid-Fotos sind Magie.

Silke Weber
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Mit weißem Rahmen. Polaroids Markenzeichen. Fotos: Kleist-Heinrich

Vor dem Laden auf der Brunnenstraße, der so winzig klein ist wie eine Küchenzeile, stoppen zwei junge Frauen und pressen ihre Gesichter an die Fensterscheibe: „Ich dachte, die gibt es nicht mehr“, sagt die eine. „Ich wollte meine schon wegschmeißen.“

Die beiden reden von der klappbaren Sofortbildkamera, die seit den 60er Jahren unter dem Namen Polaroid Karriere machte. Lange Zeit ständiger Gast auf jeder Party und Familienfeier, war das Bild zum Mitnehmen mehr als ein Schnappschuss, es wurde zur Geste. Bis Polaroid vor einem Jahr die Produktion in ihrer Fabrik im holländischen Enschede einstellte. Doch nun gibt es in dem Laden in Mitte wieder die alten Filme und die dazugehörige Kamera mit eigenem Labor.

Angefangen hat alles damit, dass der Wiener Polaroid-Liebhaber Florian Kaps, 39, den weltweiten Altbestand aufkaufte. 500 000 Filme waren aus der letzten Produktion noch übrig. Kaps arbeitet zusammen mit dem Verlag Schwarzerfreitag, der Bildbände und Literatur über die Geschichte und die Kunst der Polaroidfotografie publiziert. Im Laden, dem Anlaufpunkt für Liebhaber und Künstler, sind die Bücher neben den originalen Kameras und Filmen erhältlich. Mehr als 16 000 Menschen sind bereits Mitglied der Internet-Community Polanoid, ebenfalls von Kaps gegründet.

Während anlässlich der Produktionseinstellung Nachrufe erschienen, dass „die Sofortbildtechnik nicht mehr in die Zeit passt“, fuhr Kaps nach Enschede. Bei der dortigen Abschlussfeier überredete er den einstigen Polaroid-Produktionsleiter André Bosman, den nostalgischen Film neu zu produzieren. Bosman war eigentlich beauftragt, die Maschinen zu zerstören, aber Kaps kaufte die alten Maschinen und mietete das Fabrikgelände für die nächsten zehn Jahre an. Zusammen mit seinem zehnköpfigen Team – ein kleiner Stamm von 50- bis 60-jährigen Ehemaligen aus der alten Fabrik, die ihren Arbeitsplatz schon aufgegeben hatten – wird nun an einer Wiederkehr getüftelt. Einen Prototyp der Kamera soll es bereits im September diesen Jahres geben.

„Wir sind gut im Zeitplan“, sagt Marlene Kelnreiter, 25, bekennende Digital-Rebellin und Polaroid-Fan, die neben ihrem eigentlichen Job für Filmfestivals den Laden mitbetreut. Die sofortige Verfügbarkeit der digitalen Welt ist für sie kein Argument gegen den analogen Sofortfilm. „Man kann zusehen, wie sich die Gegenwart, die man eben abgebildet hat, plötzlich als Bild in deiner Hand entwickelt“, sagt die studierte Film- und Theaterwissenschaftlerin Kelnreiter, „das ist Magie“.

Den digitalen Fotos fehlten in ihrer unendlichen Reproduzierbarkeit die Aura – das Moment zur Kunst. Das Polaroid lässt sich nicht vervielfältigen, als Unikat befriedigt es das Bedürfnis des Individualisten. Gerade darum ist das Feld der Kunst so empfänglich für diese Sofortbilder. Andy Warhol war einer der ersten Polaroid-Künstler, seine originellen Schnappschüsse werden noch heute ausgestellt.

Die Ästhetik des Polaroid liegt in der Bildqualität, wie ein Stimmungsfänger reagiert es auf Kälte oder Wärme, kann bläulich oder rötlich erscheinen. Wegen der eigenwilligen Qualität und der ungewöhnlichen weißen Rahmung hat sich eine Reihe von Künstlern auf das Medium spezialisiert. So auch Stefanie Schneider, ihre ausgewaschen-pastelligen Bilder sind international nachgefragt und werden im Laden ausgestellt. Zum Shop gehört auch die auf Polaroid spezialisierte Galerie Polanoir. „Wir wollen den Laden nicht nur als Geschäft betreiben, wo Konsum stattfindet“, sagt Kelnreiter. Der Laden soll Treffpunkt für Liebhaber und Künstler sein.

Plötzlich steht eine Menschentraube im Laden. Smerkol Stanislav, 64, kommt zufällig vorbei, kauft einige der seltenen Filme und freut sich über den Nachschub für sein Lieblingshobby. Der Wahlberliner Henrik Strömberg, 38, greift auch zu und ist begeistert von der seltenen Gelegenheit, „Zugang zu etwas zu erhalten, was einmal war“. Vielleicht ist die Rückkehr des Polaroid neben Schallplatte und Schlaghose nur ein weiteres Produkt aus der Retrokult-Palette. Vielleicht ist es ein Produkt, dass treue Fans nicht einfach den Gesetzen der Zeit und des Marktes freigeben – nicht einfach gehen lassen wollten.

Sofortbild Shop, Brunnenstraße 195 nahe U-Bahnhof Rosenthaler Platz

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