Fotografie : Lomography: ''Die Zukunft ist analog!''

Ein Trend kehrt zurück: Der Lomography Gallery Store in der Friedrichstraße ist Deutschlands erster Laden für Fans der schräg-bunten Bilderwelten.

Lydia Brakebusch
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Klick. Ladenchefin Tönnies vor den kleinen Kunstwerken ihrer Kunden. Foto: Thilo Rückeis

Schnell, knallbunt und unvollkommen: Die Lomografie ist der Punk unter den Fototechniken und widersetzt sich mit der gewagten These „Die Zukunft ist analog!“ stur allen gegenwärtigen Trends.

Während Hobbyfotografen sich mit ihren digitalen Spiegelreflexkameras immer mehr an den Rand der Perfektion heranarbeiten und mit riesigen Stativen und Objektiven hochglanztaugliche HDR-Fotos schießen, die zu Hause per Photoshop den letzten Feinschliff bekommen, verweigern sich die Lomografen der digitalen Technik: Sie setzen auf die Magie des Moments und die Schönheit des Unvollkommenen. Ihre Bilder sind nicht ganz scharf, nicht ganz ausgewogen in den Kontrasten. Variationen in der Linse schaffen verschiedene Effekte wie Fischauge oder Tunnelblick, Multilinsen bringen bis zu neun Bilder auf ein Foto, farbige Filter tauchen Motive in rot, blau oder gelb. Die Lomografen gehorchen dabei einem 10-Punkte-Regelkatalog, der dem Trend zur Perfektion die Intuition und die Improvisation entgegensetzt: „Schieß aus der Hüfte!“ ist da zum Beispiel zu lesen, und „Denke nicht nach!“

Die zehn Gebote der Lomografie sind auch an einer Wand des neuen Lomography Gallery Stores in der Friedrichstraße angeschlagen, der im Dezember eröffnet wurde. Eine Flanke des Raumes ist komplett mit Lomobildern tapeziert: Die größte Lomowall Deutschlands wirkt mit 12 000 Bildern wie ein knallbuntes Mosaik aus flüchtigen Momenten. Aus der Nähe betrachtet, heben sich aus dem Bilderteppich Gesichter, Gebäude und Gefühle ab – alle Facetten des Lebens, in dunkelrosa, knallgelb, tiefblau.

„Die Bilder haben Mitglieder unserer Community online geschickt“, sagt Store-Managerin Melanie Tönnies – „die einzige Vorgabe war, dass es sich um Berliner Motive handelt.“ Schließlich waren sie für den neuen Berliner Laden bestimmt, mit 200 Quadratmetern der größte seiner Art weltweit und der erste in Deutschland. Hier gibt es alles für den passionierten Lomojünger: Fototaschen und T-Shirts, Fotofilme und Bücher, Rahmen und Alben. Vor allem aber: Kameras – darunter auch die Lomo LC-A, mit der alles anfing.

1991 entdeckten ein paar Wiener Studenten bei einem Ausflug nach Prag in einem Laden die kleine Kamera, die während der 80er Jahre massenhaft in Russland produziert wurde. Sie experimentierten damit herum und waren begeistert vom künstlerischen Aspekt der leichten Mängel der Lomo LC-A: Lichteinfall, Kontrast- und Farbintensität schufen eine befremdliche Schönheit. 1992 gründeten die Studenten die Fotoinitiative Lomografische Gesellschaft, die bis heute besteht. Die deutsche Botschaft dieser Gesellschaft ist der neue Lomography Gallery Store, wo auch Lomografentreffen und -workshops stattfinden. Auch Store-Managerin Melanie Tönnies ist Mitglied dieser Gesellschaft. Die Eigenheiten der Lomografie kann sie dennoch schwer in Worte fassen. Das könnte an der letzten der zehn goldenen Lomografieregeln liegen: „Kümmere Dich nicht um irgendwelche Regeln“. Lydia Brakebusch

Lomography Gallery Store, Friedrichstraße 133, Mitte, www.lomography.de

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