Frank Lüdecke : Der Mann für die Seite drei

Er wirkt eher wie ein Bankangestellter, hat dafür dann aber doch zuviel Ironie im Unterton: Frank Lüdecke, Gewinner des Deutschen Kabarettpreises 2009, tritt am Sonntag in der Distel auf.

Edda Reiser
Luedecke
Klampfen kann er auch. Kabarettist Frank Lüdecke.Foto: Promo/Thomas Grünholz

Seine Karriere begann mit dem Nachschlagen des Wortes Kabarett im Wörterbuch. Damals war er achtzehn und sollte Szenen für das Schulkabarett schreiben, erzählt Frank Lüdecke, der jetzt mit dem Deutschen Kabarettpreis 2009 ausgezeichnet wurde. Groß, grau meliert, klassisch angezogen und mit Silberbrille wirkt er eher wie ein Bankangestellter. Er ist höflich und mit viel Schalk im Blick, hat für einen Banker dann doch zu viel Ironie im Unterton. Er sei eitel genug, um die Auszeichnung wertzuschätzen. Die Resonanz darauf sei groß gewesen, sogar die Tagesschau fing ihn am Flughafen ab. Trotzdem bekämen Veranstalter, die ihn vor dem Preis nie angefragt hätten, eine Absage. Da sei er konsequent.

Geboren wurde er 1961 in Charlottenburg, die Mutter starb früh und das Verhältnis zum Vater war eher schwierig – wegen des Berufswunsches Kabarettist. Lüdecke wurde es trotzdem. Er studierte Germanistik und spielte auf sämtlichen Kleinkunstbühnen Berlins, manchmal vor sechs Zuschauern – die übliche Ochsentour eben. Bis Dieter Hallervorden anrief. Er holte ihn zu den Wühlmäusen. Lüdecke beschreibt die zehn Jahre mit Hallervorden als intensive und lehrreiche Zeit. Der Ritterschlag folgte, als er Nachfolger von Dieter Hildebrandt bei der bekanntesten Satiresendung des Deutschen Fernsehens, dem „Scheibenwischer“ – heute „Satiregipfel“ – wurde.

Der Titel seines aktuellen Programms „Verwilderung“, mit dem er am Sonntag im Kabarett Die Distel am Bahnhof Friedrichstraße gastiert, geht auf eine Debatte der Brandenburger SPD zurück, dünn besiedelte Regionen kontrolliert verwildern zu lassen. Der Vergleich zu gesellschaftlichen Bereichen wie Bildung und Altenpflege, in denen Ähnliches passiere, reizte ihn. Dort herrsche doch auch das Motto: Wir lassen alles, wie es ist, und schauen, was passiert.

Als echter Berliner, der fast immer hier gelebt hat, obwohl er nun selber Brandenburger ist, hängt er an seiner Stadt. Die Entwicklung in den letzten 20 Jahren beurteilt er ausschließlich positiv. Sie sei viel lebendiger, bunter und internationaler geworden. Es ärgert ihn, wenn dem alten West-Berlin der 80er Jahre nachgeweint wird. Das sei alles damals nicht so toll gewesen, sondern lediglich ein Sammelbecken für Leute, die sich in Westdeutschland gelangweilt hätten und gerne lange in Kneipen mit lauter Musik herumstanden. Mehr war da nicht.

In seinem Programm beschäftigt er sich mit sozialen Fragen und dem Festlegen von Inhalten und Aussagen. Dafür gebe es wieder ein verstärktes Interesse. Die Leute würden seit der Finanzkrise wohl wieder etwas politischer. Der neue Außenminister Guido Westerwelle sei aber kein Geschenk für Kabarettisten, glaubt Lüdecke. Die Leute würden bereits bei der Nennung des Namens lachen, wie einst bei Kohl. Das sei ihm zu einfach.

Er verneint, dass Kabarett vor dem Mauerfall, mit eindeutigen Feindbildern, einfacher war. Die Realität sei nur komplexer geworden. Er will keine Anleitungen geben, sondern Dinge aus seinem Blickwinkel erzählen und auch mal überraschen. Nicht sagen, was alle hören wollen. Kabarett sei moralisch, aber die Moral dürfe nicht greifbar sein, sondern müsse immer die künstlerische Überhöhung der gesellschaftlichen Situation sein. So sieht ihn auch die Jury des Kabarettpreises: Hintergründig und leise im Ton, sprachlich anspruchsvoll mit subtilen Pointen und einem vielschichtigen Themenspektrum. Verglichen mit einer Zeitung, meint er, sei er wohl nicht auf dem Titelblatt, sondern eher auf Seite drei zu finden. Edda Reiser

Die Distel, Friedrichstr. 101, Tel. 204 47 04, Sonntag 15.11., 16 Uhr, mehr Infos unter www.frank-luedecke.de

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