Frankfurter Tor : Große Haie, kleine Fische

Am Frankfurter Tor geht die Leuchtreklame aus: Das Geschäft "Zierfische Berlin" schließt nach 52 Jahren. Bis Ende nächster Woche werden noch Papageien, Sittiche und Kaninchen verkauft.

Karolin Korthase
262438_0_440c9ba1.jpg
Alles muss raus. Das "Zierfische Berlin" macht dicht. -Foto: Rückeis

Die obere Etage ist schon unbewohnt. Wo einst Zierfische und Reptilien in Aquarien und Terrarien auf einen Käufer warteten, herrscht jetzt gähnende Leere. Das Fachgeschäft für Aquaristik- und Zoobedarf „Zierfische Berlin“ am Frankfurter Tor – weithin sichtbar und stadtbekannt durch die beleuchteten Fische an der Außenfassade, muss schließen. Und zwar nach 52 traditionsreichen Jahren in Friedrichshain. Zu wenig Kunden kamen in den letzten Jahren und zu groß ist die Konkurrenz in der Branche: In jedem Baumarkt gibt es inzwischen eine Abteilung für Kleintier- und für Aquaristikbedarf. Zudem dominieren spezialisierte Ketten wie „Fressnapf“ oder „Das Futterhaus“ den Markt.

Gabriele Bartelt, Inhaberin des Geschäfts, wollte die Pleite bis zum Schluss nicht wahrhaben. Und noch weniger wahrhaben mag sie die drohende Arbeitslosigkeit: „Ich musste doch nie eine Bewerbung schreiben“, sagt die drahtige 51-Jährige, die mit Anfang 20 als gelernte Finanzkauffrau in den Betrieb einstieg und bis zuletzt mit voller Tatkraft dabei war. Dass sie sich den Tieren mit Leib und Seele verschrieben hat, merken auch die Kunden, die in den letzten Tagen, die das Geschäft noch für den Ausverkauf geöffnet hat, in den Laden kommen. Fachkundig klärt Bartelt sie über die jeweiligen Attribute ihrer Vögel auf und lässt die Besucher mit offenen Augen staunen. So erfährt man beispielsweise, dass bei Wellensittichen neben der Größe und Klarheit der Augen auch das Schwanzgefieder und Brustbein entscheidend sind. Eine 60-jährige Kundin lässt sich schließlich überzeugen und nimmt einen sechs Monate alten Wellensittich mit.

„Die Entwicklung hin zur Pleite ist schleichend verlaufen, aber eigentlich hätt’ ich schon vor eineinhalb Jahren dichtmachen müssen“, resümiert Bartelt. Zu Wendezeiten ging es dem Geschäft noch gut, aber nach und nach sind durch den Wegzug der alten Bevölkerung und Kiezwandel in Friedrichshain und steigende Mieten immer mehr Stammkunden weggezogen. Ausschlaggebend war aber vor allem die übergroße Konkurrenz. Viele der Kunden sind zuletzt nur noch für Beratungen ins Geschäft gekommen und kauften in den wenigsten Fällen was, denn, so Bartelt: „Für Qualität wollen die meisten kein Geld mehr ausgeben, und wenn mit ihren Baumarktfischen dann was nicht stimmt, kommen sie zu mir.“

Bis Ende nächster Woche werden im Untergeschoss des Ladens noch die „Restposten“ verkauft: handaufgezogene Papageien, Sittiche und Kaninchen. Die Fische und Reptilien wurden bereits an einen anderen Fachhandel weitervermittelt. Was nach dem Ausverkauf noch übrig bleibt, kommt mit nach Fredersdorf, wo die Tierliebhaberin mit ihrem Mann eine Papageienzucht betreibt.

Was mit dem Wahrzeichen des Ladens – dem charakteristischen Schriftzug und den Fischornamenten an der Außenfassade – passieren wird, ist ungewiss. Bisher hat sich noch kein Käufer gefunden, und die Chancen stehen auch eher schlecht: Die für Sammler weit attraktiveren Originale aus der DDR-Zeit wurden längst ausgetauscht. Vielleicht bleiben die Aushängeschilder von „Zierfische Berlin“ ja dann in Gabriele Bartelts Besitz. Als Relikt einer vergangenen Zeit, in der Friedrichshain noch kein Szenekiez mit ständig steigenden Mieten war und „kleine Fische“ auf dem Markt noch überleben konnten. Karolin Korthase


1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben