Stadtleben : Franziska und der Wolf

Ein Nachwenderoman über eine Beziehung, die einfach nicht zustande kommen will

Hella Kaiser

Es ist ein Sommertag im Jahre 1990. Im griechischen Restaurant Mykonos am Kurfürstendamm bahnt sich eine Liebesgeschichte an. Der erfolgreiche Fernsehjournalist Wolfgang Kiefer hat Franziska in sein Stammlokal bestellt. Die 26-Jährige ist halb so alt wie er, arbeitet in der Pressestelle der Treuhand, und dass sie kommen wird, ist klar. Der Mann ist ihr Held. Schon mit elf hat sie ihn bewundert, damals, als sie seine Sendung nur verbotenerweise sehen konnte, im thüringischen Nordhausen. 1977 floh ihre Familie in den Westen. In den achtziger Jahren ist sie ihm in Berlin bei einem Studentenseminar begegnet, da schenkte er ihr seinen Talisman, eine Streichholzschachtel. Nun haben sich ihre Wege erneut gekreuzt. Vor dem verabredeten Treffen durchwühlt sie ihren Kleiderschrank, „will schön aussehen für ihn“.

Dies ist die Vorgeschichte, auf der die Autorin Nicki Pawlow, wie ihre Protagonistin einst aus der DDR geflohen, ihren Liebesroman aufbaut. Oder besser die Geschichte einer Beziehung, die nicht zustande kommen will. Aber warum „der Wolf“ nicht mit Franziska ins Bett geht, sie immer mal wieder sehnsüchtig anruft, um sie dann ein ums andere Mal zurückzustoßen, ist lange ein Rätsel. Franziska will es lösen. „Ich liebe ihn“, gesteht sie ihrer Freundin, beim Bier im legendären Szeneladen „Obst und Gemüse“ in der OranienburgerStraße. Und lässt nicht locker, obwohl der Leser längst genug hat von dem wunderlichen Typen. Und sich nach spätestens der Hälfte des Buches fragt, was die junge Frau bloß an dem ketterauchenden, trinkenden Mann findet.

Abseits der abstrusen Liebesgeschichte geht es viel interessanter zu. An Franziskas Arbeitsplatz laufen die Telefone heiß, „es herrscht ein Kommen und Gehen wie auf einem Markt“. Investoren stehen auf der Matte, seriöse und solche, die nur absahnen wollen. Bei der Treuhand wird geklotzt, nicht gekleckert. Aus 60 000 Mitarbeitern eines Betriebes werden mit einem Federstrich 6000, mal geht es um das Kaliwerk in Zwickau, mal um eine Werft in Wismar oder einen Backbetrieb in Merseburg. Franziska formuliert Pressemitteilungen am laufenden Band. Sie steht hinter „dem großen Auftrag der Treuhand“ und gestattet sich höchstens Anflüge von Mitleid, wenn hinter den Zahlen Menschen sichtbar werden, deren Existenz gerade zusammenkracht.

Das Buch steckt voll turbulenter Zeitgeschichte, die detailreich und spannend aufgeschrieben ist. Zu dumm, dass immerzu Franziskas Treffen mit Wolf dazwischenkommen, in denen sich die junge Frau wie ein dummer Backfisch benimmt.

Nicki Pawlows Buch schließt nicht mit einem Happy End. Zwar wird nach gut 300 Seiten ein bisschen verständlicher, warum sich der Fernsehjournalist so merkwürdig verhalten hat, nur interessiert es dann nicht mehr. Hella Kaiser

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