Französischer Dom : Expressive Botschaft

Der Französische Dom zeigt Skulpturen der apokalyptischen Reiter

Eva Kalwa

Das weiße Pferd bleckt die Zähne, sein Schweif lodert schwarz. Der Reiter sieht nicht weniger furchteinflößend aus. Golden ist seine Krone, schwarz der Bogen mit dem nach vorne gerichteten Pfeil. Unter dem Pferd ragen zwei Köpfe aus dem Boden, vielleicht ein Mann und eine Frau. Er schaut fragend und fast apathisch auf den todbringenden Schrecken über ihm. Sie schreit stumm, die Augen weit aufgerissen.

Die Skulpturen der vier apokalyptischen Reiter, die der Bildhauer Hans Scheib zurzeit im Französischen Dom unter dem Titel „Und ich sah: und siehe…“ ausstellt, zeigen den Menschen im Angesicht der Apokalypse hilflos und verschwindend klein. Neben dem überzeitlichen Thema des unaufhaltsamen Gottesgerichts, von dem die Offenbarung des Johannes berichtet und das die Menschheit und seine Geschichte in den Abgrund der heilsbringenden Erneuerung reißt, setzt der Künstler auch reale historische Bezüge. Da der 1949 in Potsdam geborene Bildhauer über viel zeichnerische Erfahrung verfügt, wirken die Skulpturen sehr vital und bei aller künstlerischen Freiheit sehr realistisch.

Das „rote Pferd“ bringt im Neuen Testament den Tod durch Kriege. Bei Scheib thematisiert die zweite Skulptur das Massaker von Srebrenica während des Bosnienkrieges. Unter dem springenden Tier, auf dem die Todesfratze eines Ritters mit Fackel und Schwert sitzt, recken sich blutrote Hände aus der schwarzen Erde. Die Finger formen das Victory-Zeichen.

Das dritte, das „schwarze Pferd“, scheint sich selbst mit seinem clownesk anmutenden Reiter über einem Häusermeer aus Holzquadern in den Wahnsinn und in den Tod zu stürzen. Unter seinem Leib schwankt ein blauer Turm, in dem ein Flugzeug steckt: Assoziationen zum 11. September 2001 liegen nahe. In der linken Hand hält der Reiter ein Kartenspiel, in der rechten eine Waage. Es könnte das Symbol der Justitia sein oder ein Hinweis auf die Hungersnöte, die dieser Reiter mit sich bringen soll.

Das vierte und letzte Pferd ist das „Fahle“, es bedeutet Tod durch Furcht und Krankheit. Wie ein affenähnliches Geschöpf hockt der Tod auf der Kruppe des blassen Pferdegerippes, einen langen Ast mit verdorrten Blättern wie einen Speer in der Hand. Auf dem Boden unter dem Pferd liegen weiße Totenschädel mit grauen Zähnen und Augen: Auch sie sind wieder viel kleiner als das unvermeidliche Verderben über ihnen. Von Hoffnung ist wenig zu spüren in Scheibs Skulpturen, wenn auch der Begleittext zur Ausstellung darauf hinweist, dass die Offenbarung des Johannes in der Gegenwart und lebensbejahend endet. Ist das angesichts der eindringlich gestalteten Schreckensbilder, die keine Erlösung zeigen, Ironie oder christlicher Heilsglaube? Die Antwort liegt wohl in den Augen der Betrachter. Wie auch immer sie ausfällt: Die Skulpturen der vier apokalyptischen Reiter sind allein wegen ihrer expressiven Kraft einen Dom-Besuch wert. Eva Kalwa

Französischer Dom am Gendarmenmarkt. Nur noch kommenden Sonntag, 31. Augist, 12 bis 17 Uhr. Eintritt frei

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