Freibäder : Nur der Sommer geht baden

Strände und Liegewiesen der Berliner Freibäder bleiben leer. Das Wetter war bisher zu schlecht. Das trifft die neuen Pächter, die gerade viel investiert haben.

Daniela Martens
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Bisher fühlten sich in diesem Sommer höchstens die Schwäne im Wasser wohl. -Foto: Thilo Rückeis

Sommer ist was anderes: Ein einsames Handtuch auf der Liegewiese, grauer Himmel und Gänsehaut auf dem großen Zeh, wenn man ihn vorsichtig in den Badesee steckt – so sah es in diesem Jahr bislang in den Strand- und Freibädern aus. „Fünf Badegäste haben wir heute“, sagt Dirk Michehl, Pächter des Freibads Tegeler See, am Mittwochmittag. Seine Stimme schwankt zwischen Fassungslosigkeit und Resignation. „Fünf, stellen Sie sich das mal vor! Dabei passen in unser Bad fünftausend Leute.“ Und das, obwohl am Mittwoch ausnahmsweise die Sonne scheint.

„Es gibt diese Faustregel“, sagt Matthias Oloew, Sprecher der Berliner Bäderbetriebe: „Berliner brauchen drei Tage am Stück Sonne, bis sie sich ins Freibad trauen.“ Im Juni habe es erst einen vollständigen Sonnentag gegeben, normalerweise seien es 15. Der Monat werde „etwas zu kalt ausfallen“, heißt es verhaltener bei den Meteorologen. Und zwar kälter als in den beiden vergangenen Jahren. Rund 450 000 Besucher weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres zählten die Bäderbetriebe bislang. „Das war ein denkbar schlechter Einstand für unsere neuen Pächter“, sagt Oloew. Sieben Strandbäder haben die Bäderbetriebe in diesem Jahr neu verpachtet: Jungfernheide, Plötzensee, Lübars, Tegeler See, Friedrichshagen, Wendenschloss und Grünau. Die neuen Pächter steckten eine Menge Geld in die Bäder und sanierten sie. Von fünfstelligen Summen sprechen sowohl Bernd Leidig, Pächter im Freibad Wendenschloss, als auch Dirk Michehl vom Tegeler See.

Leidig hat unter anderem eine große Sonnenterrasse angelegt und neue Duschen eingebaut. Michehl hat nicht nur die Gebäude renoviert, sondern eigens Graffitisprayer aus München einfliegen lassen, um das Bad zu verschönern. Und jetzt das: „Eineinhalb Monate von der Saison sind weg, und es ist noch nichts passiert“, sagt Michehl. „Das beunruhigt. Was soll man bei solchem Wetter auch in einem Strandbad? Eisbären jagen?“

Jeden Morgen ruft ein meteorologisches Institut in den Strandbädern an, um sich nach der Wassertemperatur zu erkundigen. Und seit Wochen überbringt der Anrufer fast jeden Morgen gleichzeitig eine Hiobsbotschaft – den Wetterbericht des Tages. Auch am heutigen Donnerstag wieder: Gewitter soll es geben, allerdings wird es wärmer, 20 bis 30 Grad. Ähnlich am Wochenende: wechselhaft, wolkenreich, gewittrige Schauer, feuchte und schwülwarme Luft bei 23 bis 27 Grad – so lautet die Prognose. Die nächste Woche werde zwar etwas trockener bei 25 bis 30 Grad, aber trotzdem eher grau. Fürchtet sich Michehl langsam vor diesen täglichen Anrufen? „Man gewöhnt sich an alles“, sagt er.

Und es gibt auch eine gute Nachricht: Das Wasser wird demnächst wärmer, weil die Nächte nicht mehr so kalt sind. Insgesamt erwarten die Wetterforscher einen „normalen mitteleuropäischen Sommer – wechselhaft, ohne beständige Hochlage“. Gut, dass sich Michehl ein paar Alternativen zum Badebetrieb ausgedacht hat, die auch bei weniger gutem Wetter funktionieren: Sonntags ist Kaffeekränzchen mit Tanzmusik, bald kann man Beachhandball auf einer besonderen Anlage spielen, und demnächst findet ein Beachvolleyballturnier statt.

Auch Leidig vom Freibad Wendenschloss hatte Ideen: In der renovierten Gaststätte werden Hochzeiten und Geburtstage gefeiert. Auf dem Gelände grillen und zelten Schulklassen. Am 10. Juli wird beim Sommerfest getanzt. Und Leidig und Michehl öffnen ihre Strände auch bei schlechtem Wetter – anders als das Bad Jungfernheide. Und am Plötzensee hatte Pächter Rudolf Singer schon an zehn regnerischen Tagen geschlossen. Das schlechte Wetter stört ihn aber wenig. „Wir nutzen solche Tage, um das Bad weiter instand zu setzen.“ Das werde noch eine Weile dauern. An schönen Tagen gebe es dafür „zu viel Gewusel“. So etwas kam im Freibad an der Rixdorfer Straße in Mariendorf lange nicht mehr vor. An manchen Tagen lag nur ein einziger Besucher auf der Wiese. Deshalb haben es die Bäderbetriebe vorerst geschlossen: „Solange das Wetter so unbeständig bleibt“, sagt Bädersprecher Oloew. Schließlich gebe es in der Nähe das Kombibad Mariendorf. Michehl vom Tegeler See gibt auch bei fünf Gästen am Tag nicht auf: „Schön ist was anderes, aber wir werden überleben.“

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