Freizeit : Party auf den Dächern Berlins

Wenn der Postmann abends klingelt, dann ist es gar nicht der Briefträger – sondern fröhliches Partyvolk, das aufs Dach will. Zum Feiern. Die Gruppe verabredet sich auf einer öffentlichen Internetplattform.

Wlada Kolosowa
Dächer
Der Horizont von Berlin. Oben auf den Häusern ist es oft idyllisch - ideal, um in der Feierabendsonne zu entspannen. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Erst auf den zweiten Blick fällt das Grüppchen am S-Bahnhof auf, und das auch nur deshalb, weil die Mitglieder so offensichtlich nicht zusammenpassen. Ein paar Lederjackenträger, ein Typ in Outdoor-Klamotten, ein Mädchen im Petticoat, ein Vater mit Kind. Der einzige gemeinsame Nenner sind die Turnschuhe. Mehr braucht man für den Ausflug auf die Dächer auch gar nicht. Mitklettern darf jeder, auf Exklusivität legen die Veranstalter keinen Wert – wobei: So ganz stimmt das ja nun auch wieder nicht. Den geheimen Treffpunkt muss man erst mal kennen, die ganze Sache ist nämlich nah dran an der Illegalität.

Die Internetadresse darf nicht verraten werden, das ist die Bedingung. Auch „Veranstalter“ gibt es in dem Sinne nicht. „Wir sind eine lose Gruppe, wer Lust hat, kann zu uns stoßen“, sagt Sven, 27. Wer ein Dach im Visier hat, schlägt es vor – wer Lust hat, kommt mit. So einfach sind die Spielregeln.

An diesem Abend haben 30 Leute Lust, Berlin aus der Vogelperspektive zu sehen. Der Sonntagnachmittag ist mild, T-Shirt-Wetter, ein guter Tag zum Grillen oder für einen Fahrradausflug. Oder eine Dächertour. Jemand hat einen Ghettoblaster mitgebracht, fast jeder hat Bierflaschen im Rucksack.

Das heutige Ziel ist eines von der leichten Sorte: ein Dach in einem Wohnhaus mit netten Mietern und einem Dachboden, der nie abgesperrt wird. Meistens sind die Hürden höher. Oft muss man sich „Zugang verschaffen“, wie es diplomatisch formuliert wird. Deswegen bringt einer meistens auch einen Rucksack mit Zange und Schraubenschlüssel mit. Heute allerdings reicht es, energisch zu klingeln und laut „Post!“ in die Sprechanlage zu rufen. Prompt summt der Türöffner, die Meute strömt in den Hauseingang, läuft im Gänsemarsch die Treppen hoch, durch den Dachbodenkeller, über eine wackelige Leiter, aufs Dach. Die Letzten werden von einer Mieterin abgefangen. Sie habe zwar nicht vor, die Polizei zu rufen, noch nicht – eine Ermahnung auf dem Weg gibt’s trotzdem: „Keine Flaschen hinterlassen“, sagt sie. „Und keine Spritzen!“

Auf dem Dach brummt der Ghettoblaster. Einige gehen im Antennenwald spazieren, der Rest sitzt im Kreis, Kennenlernrunde. Die WG vom Balkon gegenüber kommt spontan hinzu. Man freut sich: Je mehr mitmachen, desto lustiger.

Die Gruppe verabredet sich auf einer öffentlichen Internetplattform. Den genauen Namen der Seite will trotzdem niemand in der Zeitung sehen. „Nicht, weil wir unter uns bleiben wollen“, sagt Sven. „Aber wenn halb Berlin auf den Dächern herumturnt, werden sie irgendwann dichtgemacht.“ Momentan sollen etwa 10 000 Menschen angemeldet sein, die meisten davon aber Karteileichen. Die Gründer kennt niemand mehr persönlich. „Wir sind die zweite oder die dritte Generation“, sagt Sven. „Und irgendwann werden auch wir abgelöst. Die Plattform ist ein Selbstläufer.“

Langsam geht die Sonne unter. Die, die zum ersten Mal dabei sind, knipsen emsig. Um die Schornsteine, die noch von der Sonne warm sind, haben sich Grüppchen gebildet, sie teilen die letzten Schlücke Bier, schnorren Zigaretten. Wie bei einer gewöhnlichen WG-Party, nur dass ab und zu die Vögel vorbeiziehen. Und man genau hinhört, wenn unten ein Martinshorn vorbeizieht. Kommt die Polizei, werden Personalien aufgenommen und Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstattet.

„Ein bisschen macht das Illegale ja auch den Kick aus“, sagt Sven. Provozieren wollen sie nicht. „Wir sind keine Rebellen.“ Nur Genießer.

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