Freizeit : Von wegen Kinderkram

Berlin erlebt einen Babyboom – zu Recht. Kaum eine Stadt bietet ihren kleinen Einwohnern so viel Spaß und Freiraum.

Nana Heymann

Der beliebteste Platz im Café „Kauf Dich glücklich“ in der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg ist die Bank am Buddelkasten mit den vielen bunten Förmchen und Eimern. Eltern können da in Ruhe einen Kaffee trinken oder eine frische Waffel essen, während ihr Nachwuchs kleine Kuchen aus Sand backt oder Burgen baut. Was zunächst wie ein Entgegenkommen der Betreiber an die Eltern aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Zugeständnis an die wahren Tonangeber hier in Berlin: die Kinder.

Im ersten Quartal dieses Jahres sind in der Hauptstadt fast 6500 Jungs und Mädchen zur Welt gekommen – fünf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Berlin liegt damit bundesweit an der Spitze. Zu Recht. Denn nirgendwo sonst in Deutschland ist das Angebot für Kinder so groß wie hier. Spielen, lernen, shoppen – das kann man nicht nur im vermeintlich kinderfreundlichsten Bezirk, in Prenzlauer Berg, sondern auch im Rest der Stadt. Zudem widerlegt Berlin ein Klischee: Dass Kinder in Großstädten nur zwischen Beton groß werden. Mehr Grün als im Tiergarten oder Treptower Park findet man auf dem Land auch nicht, und welche Artenvielfalt die Natur bereithält, können die Kleinen im Zoo, im Tierpark oder auf einem der Kinderbauernhöfe mitten in der Stadt lernen. Manchmal sogar streng nach Stundenplan: Auf dem Bauernhof am Görlitzer Park in Kreuzberg ist dienstags „Esel AG“, donnerstags lernen die Stadtkinder in der „Hasen AG“.

Vielleicht sind es ja Angebote wie diese, die Stars wie Angelina Jolie und ihren Lebensgefährten Brad Pitt dazu gebracht haben, seit einiger Zeit nach Wohnungen hier zu suchen. Vom kinderfreundlichen Klima haben sie sich in der Vergangenheit schon überzeugt: Sie kauften im Spielzeugladen „Ratzekatz“ am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg ein und tobten mit ihrem Nachwuchs im Kreuzberger Kinderparadies „Pups“ in der Kochstraße 73. Dort gibt es eine große Kletter- und Spielanlage und auch ein Bällchenbad. Ein Umzug des Hollywood-Paares nach Berlin wäre nur konsequent. Denn ganz offensichtlich eifern die Hauptstädter dem Vorbild von Jolie und Pitt nach. Auf vier Kinder bringen sie es mittlerweile und haben neben ihren Filmdrehs immer noch Zeit, die Welt zu retten. Alles nur eine Frage der Organisation. Der plötzliche Babyboom könnte aber auch an der WM-Euphorie des letzten Jahres liegen oder der Einführung des Elterngeldes. Ganz sicher aber auch an einem Bewusstseinswandel: Kinder werden zunehmend nicht mehr als Karrierehindernis angesehen, sondern als Bereicherung, die vor allem sogenannte Soft Skills wie emotionale Intelligenz fördern.

Wie wichtig die Belange der Kleinen sind, wissen auch die Firmen, die gerade am Alexanderplatz das Shoppingcenter Alexa fertigstellen: Dort entsteht eine 6000 Quadratmeter große „Kindercity“. Das Konzept stammt aus der Schweiz und nennt sich Edutainment, dabei geht es um spielerisches Lernen. Entwickelt wurde die Idee von Sandrine Gostanian, einer Chemikerin, selbst Mutter zweier Töchter. In der „Kindercity“ soll den Kleinen etwa das Brotbacken oder Schokoladegießen beigebracht werden. Für diese Idee wurde Gostanian zur Schweizer Unternehmerin 2002 gekürt. Die Berliner Dependance, die am 12. September eröffnet, ist der erste Ableger im Ausland.

Aber auch die vielen freischaffenden Künstler in der Stadt profitieren vom neuen Babyboom und dem Trend zum Zweitkind: durch die zahlreichen Puppen- und Kindertheater. Im „Hans Wurst Nachfahren“ in der Gleditschstraße 5 in Schöneberg werden mit aufwendigen Handpuppen Märchen wie „Aladin und die Wunderlampe“ oder „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ aufgeführt. Und das Theater an der Parkaue in Lichtenberg zeigt Klassiker der deutschen Schulliteratur: Schillers „Kabale und Liebe“ zum Beispiel und Brechts „Das Leben des Galilei“. Vielleicht ist das nicht nur für Angelina Jolie und Brad Pitt ein weiterer Anreiz, tatsächlich nach Berlin zu ziehen und noch mehr Kinder zu bekommen.

Zu diesem Thema liegt der aktuellen „zitty“-Ausgabe ein Extra-Heft bei.

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