FRENCH Connection : Tierisch ironisch

Der Maler Thierry Noir über seinen Vater im Geiste Henri Rousseau und dessen „Das Mahl des Löwen“

Wie finden Franzosen, die in Berlin leben, die schönsten Franzosen aus New York? Wir haben sie gefragt. Unsere kleine Serie stellt Wahlberliner und ihre Lieblingsgemälde vor.

Seine schrägen Figuren auf der Berliner Mauer machten Thierry Noir berühmt. Gesichter mit wulstigen Lippen und glotzenden Augen sollten dem Betonstreifen seinen Schrecken nehmen. Noir wurde 1958 in Lyon geboren, lebt seit 1982 an der Spree. Er habe sich durch die Musik von David Bowie und Iggy Pop hergezogen gefühlt. Der Maler betreibt eine Galerie in Schöneberg.

DER KUNSTFREUND: „Das Mahl des Löwen“ spricht mich total an, weil es ein bisschen meinem eigenen Malstil ähnelt. Das Gemälde ist einfach lustig, es sieht aus, als ob es spontan entstanden sei – so wie meine Bilder auch. Ich bin immer wieder gefragt worden, wie ich meinen Malstil bezeichne. Ich würde sagen: neonaiv. Rousseau ist bekannt als Meister des Naiven, er ist mein Vater im Geiste. Dabei hatte ich als Kind Angst vor seinen Bildern, ich fand sie irgendwie unheimlich. Wahrscheinlich wegen der gefährlichen Tiere. Ich war etwa neun Jahre alt, als wir seine Bilder in der Schule behandelten. Ich mag, dass sie etwas Ironisches haben – auch wenn man sich vor Lachen nicht gleich die Schenkel klopft. Aber dadurch werden Kunstwerke erst lebendig. Bestimmte Vorbilder habe ich nicht. Ich mag eher ausgewählte Arbeiten von Léger, Cézanne, Renoir oder Picasso. Wenn ich durch eine Ausstellung gehe, blende ich den Profiblick aber aus. Dann muss ich nicht über die Perspektive, den Bildaufbau oder die Maltechnik nachdenken, ich kann das Werk dann einfach nur genießen. Das finde ich wichtig: mal abzuschalten. Als meine Tochter noch klein war, haben wir uns jeden Sonntag Ausstellungen angeguckt, aber irgendwann hatte sie darauf keine Lust mehr. Trotzdem hat sie mein Kunstinteresse geerbt. Ich finde aufwendige Schauen wie diese übrigens wichtig. Sie machen Lust auf mehr, begeistern viele Menschen überhaupt erst für die Kunst – sie regen den Appetit an.

DAS GEMÄLDE: Henri Rousseau (1844 - 1910) trug den Spitznamen „Der Zöllner“, weil er tatsächlich einige Zeit als Zollbeamter arbeitete. Diese Tätigkeit gab er jedoch auf und wandte sich voll und ganz der Kunst zu. Um sich zu seinen farbenfrohen Dschungelbildern inspirieren zu lassen, ging der Autodidakt oft in den Botanischen Garten von Paris oder besuchte Tierschauen. „Wenn ich in diese Gewächshäuser hineingehe und die wundersamen Pflanzen aus exotischen Ländern sehe, kommt es mir vor, als wäre ich in einem Traum“, sagte Rousseau. „Das Mahl des Löwen“ entstand um 1907. (Infos aus dem Katalog)

Aufgezeichnet von Nana Heymann

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