Friedrich Liechtenstein im Radialsystem : Der Show-Schamane bittet zum Tanz

Mitmachen und erlöst werden: Entertainer Friedrich Liechtenstein und seine neue Reihe "Teach me tonight" im Radialsystem V.

Gunda Bartels

Zart wabert Lavendelduft durch den mit Minibühne, Bar, weißen Loungehockern, großen Bällen und glänzenden Ballons ausstaffierten Saal. Bis zur letzten Minute vorm Beginn von Friedrich Liechtensteins Nachtshowreihe im Radialsystem V betupften zwei Damen den Holzfußboden mit Duftöl. Warum? Ist gut für den Schrein, erklärt der Entertainer die asiatische Sitte trocken.

Die Mitmachshow „Teach me tonight“ ist der neueste Streich des vor 50 Jahren in Stalinstadt – inzwischen umbenannt in Eisenhüttenstadt – geborenen Liechtenstein. Seither ist der an der Ernst-Busch-Schule ausgebildete Theatermacher in Berlin berühmt geworden. Zuerst als Hans-Holger Friedrich für viele seltsame Theater- und Kunstprojekte vom Schlafsaal in den Sophiensälen bis zur bunten Fernsehturmbeleuchtung. Und ab 2003 als Elektropop singender Dancefloor- Guru Friedrich Liechtenstein. Der ist in der heimischen Clubszene so gut gebucht wie in Wien, München oder Paris. Und hat zwischendrin mal eben das Theater Engelbrot in Moabit mitgegründet, Radio und Fernsehen moderiert, als Entertainer auf der „MS Europa“ die sieben Weltmeere befahren oder sich lang und breit im „Playboy“ porträtieren lassen.

Doing! – da ditscht ein blauer Ball an die Stirn. Zum Glück ist er leicht und weich und schwebt gleich zum Nebentisch weiter. Zeremonie, Zuschauen und Tanzen – das ist der Dreiklang von Liechtensteins „Learning by doing“. Er singt, legt CDs auf, erzählt sinnlose und sinnhafte Weisheiten und zeigt den anfangs verwirrt aus der Wäsche schauenden Leuten wie sie einen Heliumfrisbee schweben lassen, im dusteren Saal bei Schwarzlicht Federball spielen oder fließend Japanisch imitieren. Natürlich im schicken Smoking und mit grandioser Selbstironie. „Ich sehe Ihre Ratlosigkeit“, erkennt der schräge Showmaster und beruhigt das Publikum, ihm garantiert nicht zu nahe zu kommen.

Diese Angst legt sich allerdings schon nach dem „erotischen Ringkampf“, den sich Liechtenstein mit seiner Assistentin und zwei Porreestangen liefert. Dabei lässt der untersetzte Weihnachtsmann mit dem weißen Rauschebart souverän sein Bauchfell blitzen und letztlich brav die Lady gewinnen. Und als Mandalatanzen – ein lustiges Wasserballett auf dem Trockenen – und der groovende Electric-Slide-Tanz geübt wird, stürmt das Volk immer befreiter die Tanzfläche.

Um Befreiung geht es dem Maitre de Plaisir bei seiner Show. Und was noch? Um Luftraum, Gemeinschaft und vor allem einen überraschenden, leichten Abend mit neuen Gedanken, meint Spielleiter Liechtenstein. „Eine kleine Kirche der Liebe“ mit einem Entertainer als Priester, der die Menschen in einem heiligen Raum in Liebe und Leben unterweist. Wie bitte? „Na so wie Harald Schmidt, der war in seiner Glanzzeit doch auch eine Art Fernsehpfarrer fürs Volk.“

Große Worte, wie Nonsenstheoretiker und Plaudertasche Liechtenstein sie liebt. Zosch! – da streicht wieder ein Heliumfrisbee kitzelnd am Hinterkopf vorbei. Ständig in Bewegung gehalten vom inzwischen sichtlich vergnügten Publikum. Ein Kind ist auch dabei und immer als Erstes auf der Mitmachfläche.

Karl ist zehn Jahre alt und angetan von der Show, die voller Absicht nach dem amourös-lehrerhaften Song „Teach me tonight" von Frank Sinatra heißt. „Super“ ist sein Kommentar nach der letzten Electric-Slide-Tanzeinlage. Und seine Mutter, 48, befindet „schön gagamäßig“, obwohl sowohl das Timing als auch die Mitmachanimation der Premierenshow bis zur nächsten in zwei Monaten gern noch etwas überarbeitet werden dürfen. Sabine aus Prenzlauer Berg möchte Friedrich Liechtenstein am liebsten eines Tages für ihre Hochzeit buchen: „Ich steh’ auf gut durchdachten Quatsch.“

Und der ist die Domäne des intellektuellen Spielers Friedrich Liechtenstein. Ein Show-Schamane, der nach Gefühlen gierende und gleichzeitig vor Berührungsängsten schlotternde Großstädter unterhält und dabei unterweist. Auch Samstagnacht am Spreeufer in Friedrichshain stellt sich so mit banalen Mitteln sekundenlang Erlösung ein. Mit schmelzendem Streichersound, froh in die Luft gereckten Ballonschubserarmen, Entschuldigungslächeln von Hocker zu Hocker wenn was schiefgeht und Pastor Liechtenstein, der Spielpannen lässig so kommentiert: „Wir sind nicht auf der Welt, um perfekt zu sein.“

„Teach me tonight“ mit Friedrich Liechtenstein gibt es in zwei Monaten wieder. Genaue Infos bald unter www.radialsystem.de

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