Frühling : Der Berliner Grill-Wahn

Die Vögel zwitschern, das erste Gras sprießt. Wer jetzt an Ostern denkt, oder an ein Nickerchen auf dem Balkon, outet sich als Neuberliner. Denn dem Hauptstädter fällt beim ersten Sonnenstrahl nur eines ein: Grillen - und zwar überall. Warum nur?

Sylvia Vogt
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Na, läuft Ihnen schon das Wasser im Mund zusammen? -Foto: Uwe Steinert

Der Berliner ist ja ein Freiluftfanatiker. Da reicht es schon, wenn im März die Sonne mal für zehn Minuten scheint und das Thermometer kurz 12 Grad anzeigt - schon werden die Draußen-Tische gestürmt. Blasenentzündungen sind meist die Folge. Doch das kann natürlich jeder halten, wie er mag, denn schließlich kriegt man das als Außenstehender kaum mit.

Im Gegensatz zu der Unsitte, die sich spätestens ab April überall dort breit macht, wo es zehn Quadratmeter uneingezäuntes Gras gibt: Dem Grillen. Dabei ist es eigentlich unerheblich, ob man damit als Gast, Veranstalter oder Passant in Berührung kommt. Es ist immer gleich schrecklich.

Und wir wollen jetzt gar nicht vom Görlitzer Park sprechen, den man im Sommer nur mit Gasmaske durchqueren kann. Dort kann man immerhin mal eine authentische Krisengebiets-Erfahrung machen. Es soll Menschen geben, die erst nach Tagen und mit stark geröteten Augen den Ausgang wieder gefunden haben.

Eigentlich reicht doch zur Charakterisierung des Grillens schon das: Ameisen im Kartoffelsalat. Würstchensaft auf dem T-Shirt. Der Fußball, der einen am Hinterkopf trifft. Bier, das entweder zu warm ist oder in peinlichen Kühltaschen rangeschafft werden muss. Kohle, die sich erst nach stundenlangem Gut-Zureden und unter Zuhilfenahme des giftigsten Anzünders zum Glühen bewegen lässt. Lecker.

Zwischendurch kassiert entweder das Ordnungsamt ab, oder der Veranstalter lebt in ständiger Furcht vor selbigem. Am Ende sind dann alle schon zu betrunken, um den Müll wegzuräumen, außerdem ist es ohnehin zu dunkel. Und wenn man dann genug durch Pappteller mit Essensresten gelaufen ist, seine Schüsseln vergeblich mit der Handybeleuchtung gesucht hat und dann irgendeine mitnimmt, die sich im Rucksack als noch halb gefüllt mit Nudel-Majo-Schmodder erweist, der Rücken schmerzt, die Kleider einem Schornsteinfeger zur Ehre gereichen, dann könnte man schon auf die Idee kommen: Eis essen wäre doch mal nett. Oder Bötchen fahren. Ist schließlich auch draußen.

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