Fußball-EM : Tipps für die spielfreie Zeit

Am Wasser, im Club, unter Engländern: Nicht überall wird Fußball geguckt Wo man sich von der Europameisterschaft zwischendurch eine Pause verschaffen kann.

Sebastian Leber
capital beach
Zurücklehnen, bitte. Der Capital Beach zeigt keine Spiele. -

Echte Fußball-Hasser sind selten geworden, dafür sind Jogi Löw und sein Team einfach zu sympathisch. Aber ob man nun Fan ist oder eher desinteressiert: Irgendwann braucht jeder eine kleine Pause vom EM-Fieber. Die bekommt man in Berlin ganz leicht – vorausgesetzt, man kennt die richtigen Adressen.

IM FREIEN SITZEN

Die meisten Freiluftbars und Kneipen haben wenigstens einen kleinen Fernseher, der zu den Spielen angeschaltet wird. Doch es gibt Ausnahmen: Der Capital Beach etwa, die Strandbar am Spreeufer mit Blick auf den Hauptbahnhof, will „komplett fußballfrei“ bleiben. Auch die Freiluft-Lounge „Sommerwelt am Potsdamer Platz“, die am 14. Juni öffnet, kommt ohne Liveübertragung aus. Dafür treten abends kostenlos Jazz- und Salsabands auf. Im Restaurant Maoa am Leipziger Platz werden die Fußballguckwilligen immerhin in den Nebenraum verbannt.

ASYL SUCHEN

Wer will garantiert nichts von der EM wissen? Die Engländer. Weil sie nicht dabei sind, mal wieder. Wo also sollte man mehr Ruhe vor dem Fußball haben als in Cafés und Restaurants, die von Engländern betrieben werden. Etwa im Union Jack in der Schlüterstraße 15 in Charlottenburg, dem ältesten englischen Pub der Stadt. Zwar läuft auch hier der Fernseher, aber niemand wird einen mit Anfeuerungsrufen belästigen. Eher ertränken die Gäste still ihren Frust. Mit Ale, Cider oder einer von 401 Sorten Whisky.

ANTIZYKLISCH PLANEN

Wer sich viel durch die Stadt bewegt, sollte ein paar Grundregeln bedenken. Erstens: Während der Spiele sind die Straßen leerer als sonst. Da bietet sich eine Fahrradtour an. Zweitens: Am 23., 24., 27., und 28. Juni ist spielfrei, da kann man sich auch in die Biergärten und Kneipen wagen, die sonst von Fans okkupiert sind. Drittens: Spaziergänge durch den Tiergarten sind jetzt noch möglich. Die Fanmeile auf der Straße des 17. Juni startet schließlich erst in der letzten Woche.

INS GEDRÄNGE STÜRZEN

Wer Menschenaufläufe wie auf der Fanmeile schätzt, aber auf den Fußball verzichten will, kann in den nächsten Wochen gleich mehrere Massenveranstaltungen besuchen: Am 21. Juni ist Fête de la Musique mit Bühnen überall in der Stadt, am selben Tag findet abends unterm Funkturm die „große Sommerparty“ statt. Und am 28. ist Christopher Street Day mit 500 000 erwarteten Teilnehmern.

ZUHÖREN UND SCHMUNZELN

Die „Lesebühne des Westens“, bei der regelmäßig auch Tagesspiegel-Autoren ihre Texte vortragen, ist gerade vom Winterfeldtplatz ins Café Einstein in der Kurfürstenstraße gezogen. Dort wird morgen ab 19.30 Uhr gelesen und Piano gespielt. Gastgeber Volker Strübing hockt seit Wochen an einer langen Liste mit Dingen, die besser sind als Fußballgucken. Nummer 250: „Die ersten 1000 Dezimalstellen von Pi auswendig lernen, um auf Partys damit zu glänzen.“

LAUT ROCKEN

Fanjubel und Hupkonzerte nerven? Man kann sie einfach übertönen. Am besten mit ehrlicher Rockmusik. Kommenden Montag spielen Kiss im Velodrom, am 17. die Foo Fighters in der Wuhlheide, am 24. die erblondete Avril Lavigne in der Columbiahalle. Und schon am kommenden Dienstag treten die wiedervereinigten Rage Against the Machine in der Zitadelle Spandau auf. Das Konzert dürfte so unerträglich laut werden, dass rundum in der Nachbarschaft die Fernseher bis zum Anschlag aufgedreht werden müssen.

SICH ENGAGIEREN

Vom 13. bis 15. Juni findet das Politik-Festival „Berlin 08“ für junge Leute in der Wuhlheide statt. Motto: „Politische Beteiligung macht sexy“. Gruppen wie Attac und der Chaos Computer Club stellen sich vor, es gibt Workshops mit Themen wie „Wer bist Du? Identität in Zeiten der Globalisierung“ oder „Von der Demo in den Knast – Versammlungsrecht in der Praxis“. Samstagabend, wenn in Salzburg gerade Russland gegen Griechenland spielt, treten Wir sind Helden auf.

SCHWITZENDE MÄNNER ANGUCKEN

Sie nennen sich „American Dream Men“ und wollen nicht mit den „California Dream Men“ verwechselt werden. Aber es geht ums Gleiche: Durchtrainierte Männer kommen in Kapitänskluft oder Polizeiuniform auf die Bühne und ziehen sich aus. Am 21. Juni treten sie im Ernst-Reuter-Saal in Reinickendorf auf, wahrscheinlich vor vielen genervten Fußballfan-Ehefrauen. Die Shows sind dramatischer als Elfmeterschießen: Bei einer früheren Deutschlandtour stürze ein Dream Man vom Treppengeländer und zog sich eine Genitalverletzung zu. Aber das Beste: Man muss dort gar nicht hin. Es reicht schon, seinem Partner davon zu erzählen – und schon will der nicht mehr Fußballgucken, sondern lieber einen romantischen Abend zu Hause verbringen.

ZUM GUTEN SCHLUSS

Wohin am 29. Juni, dem Finaltag? Zu „Klassik im Galopp“, dem Galakonzert mit Pferdeshow auf der Galopprennbahn Hoppegarten? Oder zu „Kaspar und der kleine Eisbär“, dem Handpuppenmärchen im Theater Mirakulum? Nein, die einzig würdige Alternative zum Finalspiel Deutschland gegen Italien findet im Freiluftkino Kreuzberg im Hof des Künstlerhauses Bethanien statt. Da beginnt um 21.45 Uhr Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“. Das hat Stil.

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