Fußball-WM : Bitte, bitte, Chef

Das nächste Spiel der deutschen Mannschaft findet am Freitag zur Hauptberufszeit statt. Ein Recht auf WM-frei für Fans gibt es aber nicht. Firmen und Schulen haben verschiedene Wege gefunden, mit der Situation umzugehen.

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Feierfrei? Gibt's keins. Wer beim nächsten Spiel der Deutschen keinen Urlaub genommen hat, braucht einen toleranten Chef.
Feierfrei? Gibt's keins. Wer beim nächsten Spiel der Deutschen keinen Urlaub genommen hat, braucht einen toleranten Chef.Foto: AFP/ C. Stache

Mehr als 28 Millionen Zuschauer haben am Sonntagabend den WM-Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Australien verfolgt. Anpfiff der nächsten Partie gegen Serbien ist am Freitag schon um 13:30 Uhr, also mitten in der Arbeitszeit. Wer auch hier kein Tor verpassen möchte, ist darum oftmals auf tolerante Vorgesetzte angewiesen: Solche gibt es! In manchen Unternehmen wird sogar kollektiv geguckt.

So etwa in der Siemens Hauptverwaltung an der Nonnendammallee. Dort ist ein Mitarbeiterfest mit Buffet und Fußballquiz geplant. Bei Mercedes am Salzufer fiebern Kunden und Angestellte gemeinsam: „Wir haben extra die Autos wegschaffen lassen“, sagte ein Sprecher, „um freie Sicht zu bekommen“.

Bedingung ist in den meisten Betrieben, dass die Arbeitsleistung garantiert ist. „In den Behörden dürfen alle gucken“, bestätigte Finanzsenator Nussbaum (parteilos), „vorausgesetzt, sie tragen sich aus“. „Wir haben nichts gegen ein Fußballpäuschen“, erklärte auch Vattenfallsprecherin Barbara Meifert. „Sofern die Arbeit nachgeholt wird.“ Ausgenommen sei lediglich das Personal in den Leitwarten: „Wenn bei denen was schiefläuft, sieht keiner mehr was.“

Pech haben fußballbegeisterte Verkäufer bei Dussmann: Während 2006 im Kulturkaufhaus alle Spiele auf Großbildleinwand übertragen wurden, fällt in diesem Jahr das interne Fanfest aus. Grund: In den Geschäftsräumen findet eine Ausstellung statt. „Die Projektionsfläche ist in Gebrauch“, sagte Sprecher Steffen Ritter.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi positionierte sich eindeutig. „Wer seinen Angestellten das Fußballgucken ermöglicht, fördert Betriebsklima und Motivation“, hieß es in einem Appell an die Arbeitgeber. Ähnlich äußerte sich der Geschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer, Jan Eder: „Ich denke, jeder Chef tut gut daran, das Fußballgucken zu erlauben“.

Sehr unterschiedlich wird das Problem der frühen Spielzeit in den Berliner Schulen gehandhabt. „Eine generelle Befreiung gibt es nicht“, teilte die Senatskanzlei mit. Die Schulen bestimmen eigenständig, wer vom Unterricht befreit wird – was mitunter zu großem Unmut führt. „Bei uns hieß es erst, wir dürfen gucken, und dann haben sie es doch verboten“, klagt ein Schüler des Lessing-Gymnasiums in Wedding. Das sei richtig, bestätigte Schulsekretärin Reichter. „Das Kollegium hat sich gegen die Pläne gewehrt.“ Die Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg entlässt ihre Schüler um 13 Uhr. „Aber nur die ab Klassenstufe 7, die Jüngeren unterliegen der Aufsichtspflicht.“ Darum hat man sich im Steglitzer Paulsen-Gymnasium auf eine andere Variante verständigt: „Wir gucken in der Aula, das wird eng, aber lustig.“

Bildungssenator Jürgen Zöllner sagte: „Das muss jede Schule selber verantworten.“ Es gebe aber die Möglichkeit, einzelne Stunden zu verlegen. „Schule ist ja nicht immer das Wichtigste im Leben“.

Unterdessen warnt der Berliner Anwaltsverein: „Es gibt kein Recht auf WM-frei!“ Wer krank mache, riskiere eine Kündigung. Und das ist es vielleicht doch nicht wert.

„Ist ja erst die Vorrunde“, trösten sich auch die Schüler aus Wedding. „Und so, wie die Jungs drauf sind,, gibt’s bestimmt noch viel zu sehen.“ Maris Hubschmid

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