Galerie in altem Gewölbe : Die Abenteuerhöhle

In den Kellergewölben der ehemaligen Königstadt-Brauerei in Prenzlauer Berg eröffnet eine Galerie – für Kunst, Musik und Tanz.

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Im Untergrund. Lorenz Huber und seine Frau Vanessa Huber-Christen leiten die „Galerie unter Berlin“. In den denkmalgeschützten Katakomben sollen Ausstellungen, Konzerte und Performances stattfinden – zum ersten Mal am morgigen Donnerstag. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Im Untergrund. Lorenz Huber und seine Frau Vanessa Huber-Christen leiten die „Galerie unter Berlin“. In den denkmalgeschützten...

Von den Rundbögen hängen 20 Zentimeter lange Stalaktiten. Dumpf klingt der Schritt in dem nur schwach erleuchteten Labyrinth aus verwinkelten Gängen und Gewölben. Man fröstelt ein wenig in dieser kühlen, eigenartigen Welt. Dennoch ist das 3500 Quadratmeter große denkmalgeschützte Kellerareal der Alten Königstadt-Brauerei in Prenzlauer Berg kein unfreundlicher Ort. Im Gegenteil, er strahlt eine stille Würde aus, die viele Geheimnisse birgt. Ihnen wird man sich jetzt auf Dauer nähern können: Ab Donnerstag wird das historische Gebäude in der Straßburger Straße langfristig als Ausstellungs- und Performanceort genutzt.

„Wir wollen das Wilde und Abenteuerliche dieses Ortes in unsere zukünftige Arbeit integrieren“, sagt Lorenz Huber, zusammen mit seiner Frau Vanessa Huber-Christen Leiter der neuen „Galerie unter Berlin“. Vor zwei Jahren hatte das Künstlerpaar hier bereits gemeinsam mit Gehörlosen eine Performance und Anfang 2010 die Installationsserie „digital auf oel“ gezeigt. Die Genossenschaft, der das ehemalige Brauereigelände seit 2003 gehört, war sehr angetan von der Arbeit der interdisziplinären Künstler, sodass sie ihnen die langfristige Nutzung des viele Jahre im Dornröschenschlaf gelegenen Kellers anbot.

Auch die erste Konzeptreihe unter dem Titel „schallen & schauen“ widmet sich in Musik, Tanz, Film und Performance den Begegnungen zwischen hörender und nichthörender Welt. Den Irritationen und Frustrationen sowie den zarten Annäherungen zwischen Menschen, die keine gemeinsame Sprache haben. Dazu finden zusätzlich Lesungen, Vorträge und ein Workshop für Kinder statt. „Oft machen wir Gehörlosen die Erfahrung, dass wir für Hörende wie unsichtbar sind. Dass es für sie zu anstrengend ist, mit uns in Kontakt zu treten“, sagt Bettina Kokoschka in Laut- und Gebärdensprache. Die 41-jährige Lichtenbergerin ist von Geburt an gehörlos und tritt bei „schallen & schauen“ als in Gebärden sprechende Geschichtenerzählerin auf. „Es ist wunderbar, das menschliche Grundbedürfnis nach Kommunikation durch Kunst ausdrücken zu können“, sagt Kokoschka, die schon in mehreren Filmen zu diesem Thema mitgespielt hat.

Wie gut sich die 125 Jahre alten Kellergewölbe zum Geschichtenerzählen eignen, wird auch bei Begegnungen mit Menschen deutlich, die hier einen kleinen Teil ihres Lebens verbracht haben. So wie Rudi Wenzel. Er musste gegen Ende des Zweiten Weltkrieges als Neunjähriger zusammen mit seiner Mutter oft hier unten ausharren, wenn über der Erde die Bomben auf Berlin fielen. Damals wurden einige Räume als Luftschutzkeller genutzt, in denen kurz zuvor noch ukrainische Zwangsarbeiterinnen V-2-Raketen montieren mussten. „Angst hatten wir kaum, wir wollten nur immer nach oben, Granatsplitter sammeln. Das war unser Spiel“, erzählt Wenzel. Noch heute weiß der 74-Jährige, wo genau in einem der riesigen Gewölbeschiffe einst sein Bett stand. Sogar die phosphoreszierenden Wegmarkierungen aus Leuchtfarbe von damals sind teilweise noch vorhanden.

Genauso die Löcher, die in den Siebzigerjahren die mehrstöckigen Stellagen hielten, auf denen bis unter die Decke Champignons für Ostberliner Restaurants gezüchtet wurden. Hier hat Claudia Recke gearbeitet, unter Bedingungen, die heute kaum noch vorstellbar sind: „Es war kalt, feucht und zugig, weil ständig die Gebläse liefen. Wir hatten permanent Halsschmerzen und haben im Winter nie Tageslicht gesehen“, erinnert sich Recke. Die 61-Jährige ist die Mutter der Tänzerin Anna-Luise Recke, die ab Ende Oktober in der Reihe„tanzen & tönen“ zu sehen sein wird. „Dieser Ort ist wie ein eigener Protagonist und im Tanz fast wie ein Partner für mich“, sagt die 28-Jährige. Es sei spannend und berührend, hier zugleich auf die Erinnerungen der eigenen Mutter zu treffen.

„Uns ist es wichtig, dass die Galerie ein Raum der Begegnungen wird, an dem unterschiedlichste Kunstformen und Menschen miteinander in Beziehung treten“, sagt Vanessa Huber-Christen. Daher wollen sie und ihr Mann die Kellergewölbe auf Dauer nicht allein bespielen, sondern auch an andere Künstler und Projekte vermieten. Der eigentliche Kernbereich der „Galerie unter Berlin“, rund 500 Quadratmeter, hat mit seinen alten Sofas, Sesseln und warm leuchtenden Lampen tatsächlich etwas von einem überdimensionalen Kunstsalon, in dem sich die Zeitschichten überlagern. Wer in dieser behaglichen Atmosphäre länger Platz nehmen möchte, sollte jedoch einen warmen Pullover nicht vergessen.

Installative Performance „schallen & schauen“ 9.–12.9. und 16.–19.9. , 20.30 Uhr. Tickets 10–13 €. Straßburger Str. 53. Dazu Lesung, Film, Gespräche und Workshop. Mehr auf www.galerie-unter-berlin.de

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