Galerie Poll : Aufbruch zur Museumsinsel

Die Galerie Poll verlässt ihre angestammten Räume am Lützowplatz. Neues Domizil wird ein ehemaliges Pfarrgebäude nahe der Museumsinsel.

Anna Corves
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Die Gründerin. Eva Poll eröffnet mit ihrem Mann die Galerie anfangs in Charlottenburg, 1979 zogen sie in die großen Räume in...

Ein vierstöckiges graues Steinhaus, um die Jahrhundertwende entstanden. Efeu umrankt die Eichentür, dahinter der marmorne Treppenaufgang. Ein Haus, das eigentlich frei in einem großzügigen Park stehen sollte. Tatsächlich steht es eingereiht am Lützowplatz in Tiergarten, Hausnummer 7. Seit drei Jahrzehnten sitzt hier die Galerie Poll, eine Institution in der Kunstlandschaft. Doch im Herbst verlässt sie ihren altgedienten Standort, zieht um nach Mitte.

„Ich freue mich auf den neuen Standort, nehme aber auch mit Wehmut Abschied von den alten Räumen“, sagt Eva Poll. Die Dame mit dem fein ziselierten Gesicht und den kurz geschnittenen grauen Haaren gründete die Galerie im Jahr 1968, gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Rechtsanwalt Lothar C. Poll. Er legte den juristischen Grundstein, sie lenkte die Geschicke der Galerie fortan. Zunächst in der Niebuhrstraße angesiedelt, zog die Galerie an den Kurfürstendamm und schließlich 1979 an den Lützowplatz: 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf massivem Parkett, mit hohen Decken und prächtigem Stuck. „Die Künstler sind immer begeistert, sich hier mit vielen und großen Bildern ausbreiten zu können“, erzählt Eva Poll.

Dass sie diese Räume dennoch verlassen will, hat praktische Gründe: Neben der Galerie führt das Ehepaar auch eine Kunststiftung in Mitte, dort befindet sich auch der Hauptsitz von Lothar C. Polls Kanzlei. Mit der Galerie werden dann alle Wirkungsbereiche räumlich gebündelt sein. Auch ist dem nunmehr 70-jährigen Ehepaar die Ausstellungsfläche am Lützowplatz zu groß geworden: Am künftigen Galerie-Standort in der Anna- Louisa-Karsch-Straße 9 werden 200 Quadratmeter genutzt.

„Dreißig Jahre an einem Standort sind wirklich genug!“ Für Lothar C. Poll bietet der Umzug auch den Reiz des Neuanfangs. „Immer in denselben vier Wänden, da wird man doch träge.“ Schwungvoll präsentiert er Fotos der neuen Residenz, begeistert erzählt er, dass diese ehemals das Pfarrgebäude der zerstörten Garnisonskirche war, schwärmt von der Nähe zum „klassischen Präsentieren von Kunst“ auf der Museumsinsel. Seine Frau nickt. Sie hofft am neuen Standort auf ein kunstinteressiertes Publikum, das „nicht nur supermoderne Kunst sucht“.

Die Galerie Poll ist ihrem Stil über alle Jahrzehnte treu geblieben. Gegründet wurde sie in der Tradition der „Großgörschen 35“, einer lockeren Ausstellungsgemeinschaft von Berliner Künstlern, die sich im weitesten Sinne dem Realismus verschrieben hatten. „Unsere Galerie haben wir mit Künstlern unseres Lebensgefühls, unserer politischen Einstellung angefangen. Und an der kritischen Haltung gegenüber der Umgebung hat sich auch nichts geändert“, sagt Eva Poll mit Nachdruck. An diesen Künstlern, den Vertretern einer politischen, sozialkritischen Kunst, wie dem Maler und Grafiker Peter Sorge oder der Malerin Maina-Miriam Munsky hat die Galeristin festgehalten. „Es ist verführerisch, mal etwas Populäres zu machen. Aber am wichtigsten ist, dass man hinter dem steht, was man zeigt. Und das, was ich zeigen will, ist letztlich immer das Realistische.“

Die Galerie hat politisch bewegte Zeiten erlebt. In den 70er Jahren ging es um lokale Themen wie Bauspekulationen in Berlin, aber auch um weltpolitische wie den Vietnamkrieg und – naheliegend – die Teilung in Ost und West. Besonders eindringlich erinnert sich Eva Poll an ihren Versuch, eine Ausstellung mit russischen Künstlern zu organisieren, der erst nach sechs Jahren, 1988, Erfolg hatte.

Sie schaut von ihrer Galerie im ersten Stock aus dem Fenster. Als sie sich am Lützowplatz ansiedelten, war dieser eine Brachfläche mit viel Gestrüpp und Autos, in denen Prostituierte ihre Freier empfingen. „Und neben dem Haus“, erzählt ihr Mann, „war ein Lagerplatz für ausgemusterte Armeelastwagen der Alliierten.“ Im Laufe der Zeit wurde gebaut, Unternehmen siedelten sich an, auch heute noch ziehen Galerien her. Dennoch empfindet Eva Poll den vielbefahrenen Lützowplatz als „etwas trostlos“. Sie hat versucht, ihn positiv mitzugestalten, das zeigt der Blick aus dem Fenster, der auf zwei Bronzeskulpturen fällt. Die „Stehende und liegende Gruppe“ der Künstlerin Sabina Grzimek hatte der Magistrat Berlin 1986 erworben. Auf Initiative der Galerie wurde sie 1995 auf dem Lützowplatz aufgestellt. Und hier wird sie bleiben, als in Bronze gegossene Erinnerung an den langjährigen Sitz der Galerie Poll, einer West-Berliner Kunstinstitution. Anna Corves

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