Gastronomie : Mitte wird Eng-Land

Für Fußgänger bleibt auf Bürgersteigen oft kein Platz mehr, weil dort Tische und Stühle von Gaststätten stehen – häufig unerlaubt.

Werner Kurzlechner
Oranienburger Straße Foto: Caro
Volle Wege. Schankvorgärten beanspruchen viel Platz - wie hier auf der Oranienburger Straße in Mitte. -Foto: Caro

Am liebsten genießen Besucher ihre Berliner Weiße dort, wo die Stadt ein bisschen wie Mallorca ist. Auf den Bürgersteigen am Hackeschen Markt und entlang der Oranienburger Straße prosten sich Nachtschwärmer aus aller Welt zu. Anwohnern missfällt das fröhliche Treiben allerdings zusehends. „Das hat nichts mit Berliner Flair zu tun“, schimpft Hildrun Knuth, Behindertenbeauftragte im Bezirk Mitte. Knuth regt sich über Plastikelefanten und Kunstpalmen nicht allein deshalb auf. Vielmehr stört sie, dass die Wirte immer mehr Tische, Stühle und Dekoration auf den Gehweg stellen, und für Fußgänger nur noch ein schmaler Streifen übrig bleibt.

Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwägen trifft es besonders. Sie kommen im üblichen Gedränge kaum voran. Die zuständigen Bezirksstadträte Ephraim Gothe (SPD, Stadtentwicklung) und Joachim Zeller (CDU, Wirtschaft) haben vereinbart, sich nach den Ferien um das Problem zu kümmern. Was konkret geschehen wird, steht nach Auskunft des Bezirksamts noch nicht fest.

Eine Idee für mögliche Abhilfe könnten die Politiker aus Mitte in Charlottenburg-Wilmersdorf finden. Dort sprühen Mitarbeiter des Ordnungsamtes seit Juni blaue Markierungen aufs Pflaster. Dem Wildwuchs der Schankflächen unter freiem Himmel war auch am Savignyplatz, an der Pariser Straße oder am Ludwigkirchplatz anders nicht beizukommen. „Wir mussten uns etwas neues ausdenken“, sagt Ordnungsamtsleiter Joachim Schwartzkopf. Die farbigen Winkel sollen den Kiezstreifen die Kontrollen erleichtern. Neun von zehn Wirten hielten sich laut Schwartzkopf nicht an die genehmigten Grenzen ihrer Schankvorgärten.

Auf einer Breite von 1,50 bis zwei Metern sollen sich Passanten ungehindert bewegen können. Nach dieser Richtschnur arbeiten die Ämter sowohl in Mitte als auch in Charlottenburg-Wilmersdorf. Eine Vorschrift, die die Mindestbreite genau regelt, gibt es laut Schwartzkopf nicht. Nach Paragraf 11 des Berliner Straßengesetzes ist die Erlaubnis von Ausschank zu versagen, wenn „die Sondernutzung den Gemeingebrauch nicht unerheblich einschränken würde“. Die Bedürfnisse von Fußgängern, Wirten und Gästen sind in jedem Einzelfall gegeneinander abzuwägen.

Niedrige Gebühren befördern, dass die Gastronomie in erklecklichem Maße öffentlichen Raum frisst. Der Quadratmeter koste in Berlin je nach touristischer Attraktivität zwischen 13,75 und 16 Euro im Jahr, berichtet Schwartzkopf. In Mitte zahlen die Wirte also deutlich mehr als in Marzahn. Verglichen mit der Raummiete bleibt es ein Spottpreis. Das macht es lukrativ, draußen zu verkaufen. An der Rankestraße mietete sich ein Betrieb in einem Hausflur ein und nutzte draußen 40 billige Quadratmeter.

Hildrun Knuth kann sich Bodenmarkierungen auch in Mitte gut vorstellen – „auch wenn es spießig klingt“. Manche Wirte zeigen für derlei wenig Verständnis. Sie finden, Passanten müssten auf die andere Straßenseite ausweichen. Das sei an der Oranienburger eben so.

Die Anwohner sehen das aus vielen Gründen weniger lax. Augenatelierbetreiber Theo Knauer sieht zudem die Sicherheit gefährdet durch die zahlreichen mit Propangas gefüllten Heizpilze.„Eine einzige Katastrophe“, empört er sich. Auch der Lärm bleibt ein Problem. 27mal beschwerten sich Anwohner alleine über fünf Gaststätten, die für Radau bekannt sind. Zweimal habe das Amt Bußgelder verhängt, schrieb Ephraim Gothe vor seinem Urlaub an Knauer. Dieser hofft nun wie die Behindertenvertreterin, dass die Politiker ihr Versprechen ab September einlösen.

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