Stadtleben : Gedränge nur im Westen

Anstehen in Hermsdorf, Leere in Lichtenberg In 1246 Wahllokalen waren 10 000 Helfer im Einsatz

Schon um 9 Uhr früh standen die Wähler in den Stimmlokalen an der Steglitzer Clemens-Brentano-Schule Schlange. Junge Familien parkten ihre Kinderwagen vor dem Haus, Rentnerpaare schritten rüstig über den Pausenhof, der Volksentscheid mobilisierte hier den Kiez. Der Andrang war zeitweise so groß wie bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus. Die Stimmung aber war anders, lockerer. Man scherzte miteinander, egal ob pro Reli oder pro Ethik. Und einige brachten das neue Selbstbewusstsein der Wählerschar auf den Punkt, bevor sie in der Kabine verschwanden. „Toll, nach Tempelhof ist jetzt schon zum zweiten Male unsere Meinung direkt gefragt.“

Auch im bürgerlichen Westviertel an der Reinickendorfer Fichtestraße in Hermsdorf treibt die Frage nach dem Religionsunterricht die Menschen früh zu den Urnen. Die Wahlhelfer sprechen schon vormittags von einer Beteiligung von bis zu 40 Prozent.

Ganz anders sah es vormittags in den meisten Ostbezirken aus. Bis 10 Uhr hatten im kinder- und schülerreichen Bötzowviertel in Prenzlauer Berg gerade mal 20 Wähler ihr Kreuzchen gemacht. Die meisten kamen mit Schrippentüten unterm Arm. Abstimmen und Frühstück vorbereiten gehörten zusammen. Auch im Treptow-Köpenicker Ortsteil Friedrichshagen am Müggelseeufer haben die Wahlhelfer lange Zeit wenig zu tun, obwohl dort viele Eltern mit kleinen Kindern zu Hause sind. Bis 12 Uhr kamen kamen nur etwa zehn Prozent der Wahlberechtigten. Und die Leiterin des Wahllokals an der Nöldnerstraße in Lichtenberg hatte gegen Mittag sogar noch geringere Erwartungen. „Zehn Prozent? Schön wär’s!“

„Religion ist Privatangelegenheit!“, begründete ein älterer Herr im Wahllokal an der Judith-Auer-Straße in Lichtenberg sein „Nein“. Und damit brachte er wohl die überwiegende Stimmung in den Ostbezirken auf den Punkt. Er halte es aber dennoch für wichtig, dass im Ethikunterricht ein Grundwissen über die christliche Religion vermittelt werde. Ein Vater, zwei Kinder an der Hand, pries die Idee, „Mädchen und Jungen unterschiedlicher Religionen gemeinsam über Werte und Ethik zu unterrichten.“

Vehement vertraten aber auch Pro Reli-Befürworter bis zuletzt ihre Position. Sie habe lange überlegt und sich mit ihrer 13-jährigen Enkelin über den Ethikunterricht unterhalten, sagte eine Frau, vielleicht Mitte 60. Aber nun habe sie klar für das gleichberechtigte Religionsfach gestimmt.Es sei schon „sehr flach“, was in Ethik unterrichtet werde.

Insgesamt waren bei dem gestrigen Volksentscheid berlinweit rund 10 000 Wahlhelfer in 1246 Wahllokalen im Einsatz. 18 000 ehrenamtliche Helfer sollen es bei der Europa- oder Bundestagswahl sein. wer als helfer mitmacht, bekommt ein Erfrischungsgeld von 31 Euro. Öffentliche Bedienstete erhalten 21 Euro und einen zusätzlichen freien Tag als Belohnung. Für viele Lehrer sei dieser freie Tag auch der größte Anreiz, sich freiwillig zu melden, erklärten gestern Wahlhelfer. Außerdem sei es doch interessant, zu beobachten, wer sich aus dem Stimmbezirk zur Abstimmung einfindet. „Da bekommt man immer ein gutes Gefühl für die Bevölkerungsstruktur in einem Kiez.“ Dass die Sonne schien und sie drinnen sitzen mussten, störte nur wenige – obwohl die Wähler schnell wieder in den sonnigen Sonntag hinauseilten.Tsp

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