Geocaching in Berlin : Schnitzeljagd per Satellit

Mindestvoraussetzung: "Sich dafür interessieren, was eigentlich Längen- und Breitengrade sind." Beim Geocaching suchen Berliner nach kleinen Schätzen. Und hoffen, dass sie niemand beobachtet.

Sebastian Leber
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Fundstück. So sieht ein Schatz aus, den Geocacher entdecken wollen. -Foto: dpa

BerlinWer genau hinsieht, kann sie überall entdecken. Im Treptower Park, an der Gedächtniskirche, auf dem Schlossplatz in Mitte oder direkt an der Leipziger Straße. Im Tiergarten trifft man sie an 14 verschiedenen Orten. Sie tragen kleine Geräte vor sich her. Und sie sehen aus, als suchten sie eine Wasserader.

Dabei wollen sie gar nicht reich werden. Sondern nur ihren Spaß haben. Geocaching heißt das ungewöhnliche Hobby, in Deutschland spricht man das „Geokäsching“ aus. Die kleinen Geräte sind GPS-Empfänger. Sie geben ihrem Besitzer satellitengestützt seine aktuelle Position in Längen- und Breitengraden an. Das Hobby kommt aus den USA, dort beteiligen sich schon Zehntausende an der modernen Schnitzeljagd. Die Idee ist simpel: Jemand versteckt irgendwo einen symbolischen Schatz – oft in Form einer alten Filmdose mit einem Zettel drin – und notiert sich die Koordinaten des Standorts. Die veröffentlicht er anschließend auf der weltweit genutzten Internetseite www.geocaching.com. Und ruft damit alle anderen auf, seinen Schatz zu suchen.

„Wer einen Cache gefunden hat, nimmt ihn nicht mit nach Hause“, sagt Thomas Schneider. „Man schreibt bloß seinen Namen auf das Papier und versteckt alles wieder an derselben Stelle.“ Der 40-jährige Berliner betreut die Internetseite www.cache-test-dummies.de, die viele Tipps und Geschichten rund ums Geocaching bereithält. Schneider sagt, es gehe um viel mehr als nur den Schatz. „Nämlich um die Möglichkeit, fremde Menschen an seine persönlichen Lieblingsorte zu führen.“ Oft ist die Suche mit einem Rätsel verbunden. Das muss man zuerst lösen, sonst findet man sein Ziel nicht. Gerade in Berlin sind solche „Mystery-Caches“ beliebt. Außerdem kann man beim Suchen viel lernen: Der Berliner Cacher „CyberMan54“ hat seinen Schatz am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg versteckt, im Internet gibt er Suchenden nicht nur die Zielkoordinaten mit, sondern auch gleich einen historischen Abriss über die Nutzung des Platzes seit 1945. Auf dem Bebelplatz in Mitte muss man erst Steinplatten und Statuen zählen, bevor man das Versteck des Caches errechnen kann. Beim Marx-Engels-Denkmal neben dem Nikolaiviertel gilt es, sich zunächst ganz genau die bronzenen Inschriften auf der Rückseite anzusehen. Und im Tiergarten gibt es seit Kurzem einen Cache, den nur derjenige findet, der sich von der Siegessäule aus mit einer festgelegten Geschwindigkeit exakt 159 Sekunden in eine bestimmte Richtung bewegt. Da kann es mehrere Anläufe dauern, bis der Cache gefunden ist.

Das Hobby hat etwas Konspiratives. Oberste Regel ist immer, einen Cache so unauffällig zu bergen, dass Passanten nichts davon mitkriegen. Damit niemand auf die Idee kommt, einen Cache zu zerstören oder woanders zu verstecken. Nichteingeweihte werden in der Szene „Muggels“ genannt – wie die Zauberunkundigen bei Harry Potter.

Trotzdem kommt es vor, dass Geocacher von Fremden beobachtet werden, wie sie ihre Schätze im Gebüsch ausbuddeln. Manchmal rufen Passanten die Polizei, weil sie glauben, sie hätten Drogendealer auf frischer Tat ertappt. In Nordrhein-Westfalen legte im vergangenen Jahr ein Cache kurzzeitig die Schifffahrt im Rhein-Herne-Kanal lahm. Der Kampfmittelräumdienst musste anrücken, weil Passanten einen mit Klebeband umwickelten Cache für eine Bombe gehalten hatten. Und in Berlin sorgte eine golden angemalte Vitamintablettendose für Aufregung: Ein Cacher hatte sie in der Einflugschneise des Flughafens Tegel versteckt. In London ist das Hobby inzwischen so stark verbreitet, dass die dortigen Geocacher in ständigem Kontakt mit der Polizei stehen. So können sich die Beamten bei einem Bombenalarm zuerst vergewissern, ob es sich nicht vielleicht um eine liebevoll versteckte Filmdose handelt.

Die Preise für GPS-Empfänger sind in den letzten Jahren stark gefallen. Wer 150 Euro ausgibt, hat alles, was er für die Suche braucht. Auch deswegen hat Geocaching großen Zulauf bekommen, sagt der Berliner Thomas Schneider. Das ist für eingefleischte Cacher nicht immer erfreulich. „Manche Neulinge geben sich keine Mühe und platzieren ihre Schätze wahllos an langweiligen Stellen.“ Jeder sei willkommen, sagt Schneider. „Aber zumindest sollte er sich dafür interessieren, was eigentlich Längen- und Breitengrade sind.“

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