Stadtleben : Geröll-Karthago an der Spree

Ein etwas unübersichtlicher Krimi aus dem Ruinen-Berlin der frühen Nachkriegszeit

Hella Kaiser

Kriegsende in Berlin: Die Stadt liegt in Schutt und Asche. Und doch ist sie nicht ganz am Boden. Da sind Menschen, die leben wollen, nicht groß an Zukunft denken, sondern nur an den nächsten Tag. Bei den meisten geht es erst mal darum, ein Dach über dem Kopf zu haben und Mahlzeiten und warme Kleidung zu organisieren. Eine schwere und gleichzeitig spannende Zeit, die nun in dem Roman „Hungerkralle“ nachzuerleben ist.

Viele Fakten hat Autor Jürgen Ebertowski zusammengetragen, um seinem Buch einen authentischen Rahmen zu geben. Es ist die Zeit der Deals mit Amerikanern und der Kungeleien mit Russen, es geht um ehemalige Nazi-Funktionäre, gewöhnliche Kriminelle und einige Redliche. Warum sollte es einen Karl Meunier, ehemals Hausdetektiv im Hotel Adlon, nicht gegeben haben? Mit viel Glück war der Mann dem Flammeninferno der Luxusherberge entronnen und versucht nun – das geliebte Berlin ist zum „Geröll-Karthago der Neuzeit nivelliert“ – seinen Platz zu finden. Andere schaffen es ja auch. An der Havel sonnen sich schon wieder Badende, vor der Reichstagsruine und am Potsdamer Platz ist ein schwunghafter Handel zu beobachten. Amerikanische Zigaretten für ein Stück Wurst, edler Bordeauxwein für ein Wechselobjektiv, Ölsardinen und Graupen für eine Taschenuhr. Manche handeln so geschickt, dass sie reich werden vom Geschäft.

Genügend Stoff für einen packenden Roman ist da. Aber Jürgen Ebertowski verzettelt sich. Zu den Fakten reimt er einen eher holprigen Krimi, in dem Karl Meunier der Gute und gleichzeitig der Glückliche ist: Seine totgeglaubte Freundin Vera taucht wie durch ein Wunder wieder auf. Das könnte noch funktionieren, aber der Autor überfrachtet den eh schon kompliziert und verschachtelt angelegten Plot mit einer Schar unterschiedlichster Figuren. 26 Personen, teilweise mit wechselnden Namen lässt er auftreten in dem 250-Seiten-Buch. Irgendwann scheint Ebertowski selbst aufzufallen, dass den Leser dies verwirren könnte. Denn er legt seiner Figur Hans Klempke, auch Hansi genannt, die Frage in den Mund: „Renate Hansen, wer is denn det nu wieder?“ Das ereignet sich auf Seite 215. Dem Leser bleiben nun zwei Möglichkeiten: Entweder er wirft das Buch spätestens jetzt entnervt in die Ecke, oder er beißt sich weiter durch. Dann erfährt er, warum die bevorstehende Währungsreform das Geldfälschergeschäft beflügelt und wie es zu Blockade und Luftbrücke kommt. Am Ende ist er heilfroh, dass wenigstens in diesem Roman die Bösen ihre Strafe kriegen und die Guten die Belohnung. Hella Kaiser













— Jürgen Ebertowski:
Hungerkralle. Rotbuch Verlag, Berlin. 253 Seiten, 19, 90 Euro.

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