Geschäft in Kreuzberg : DDR-Design: Comeback von Tragweite

Der geblümte Dederon-Beutel half DDR-Bürgern in vielen Lebenslagen. Jetzt erlebt er eine Renaissance.

G,a Bartels
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Halt mal. Den Stoff muss man unter die Leute bringen, dachte sich Melanie Thamm - am besten in knallbunten Farben. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein unkaputtbares Abfallprodukt der Weltraumforschung? Nein, Dederon- Beutel sind die Resteverwertung der ostdeutschen Kittelschürzenindustrie. Zu DDR-Zeiten, als der geblümte Plastiktütenersatz klein zusammengefaltet in der Manteltasche bei überraschender Warenfülle in der Kaufhalle jederzeit zur Hand war. Oder jetzt, wo’s die Beutel aus Polyamid mit Ledergriffen, Rüschen oder Bambusringen aufgebrezelt zum schicken Tragetäschchen für Nach-Wende- Berliner gebracht haben.

Melanie Thamm, 40, bietet sie in ihrem Laden „Dederon-Design“ in der Muskauer Straße in Kreuzberg an. Zum Mauerfalljubiläumsjahr hat sie eigens ein neues Modell entworfen. „Einheitsbeutel. Einer für alle“, steht drauf gedruckt. Und mit 6.50 Euro Kaufpreis ist der Beutel gleichermaßen wessi- und ossi- freundlich kalkuliert. Mut brauche man schon, um mit den schrillen Beuteln loszuziehen, sagt die Kunsthistorikerin. Und Humor. „Wer sich selbst zu ernst nimmt, für den sind sie nichts“, lacht sie.

Sie selbst kloppt sich seit 2001, als sie ihren ersten Beutelprototypen nähte, mit Kittelschürzenherstellern um die nur noch in Sachsen und Thüringen in kleiner Auflage hergestellten Stoffe.

Dederon, das ist der 1959 aus der Taufe gehobene sozialistische Markenname für die Kunstfaser, die in den USA Nylon und in der BRD Perlon hieß. Der Name ist zusammengesetzt aus „DDR“ und „Molton“, einem textilen Grundstoff, und sollte dem Westen als ganz bewusste Klassenkampfansage der Ost-Textilindustrie in den Ohren dröhnen. „DeDeRon“ war vor 50 Jahren Teil des unter dem Motto „Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit“ gestarteten, ehrgeizigen Chemieprogramms der DDR. Der robuste „Faden vollendeter Verlässlichkeit“, wie’s in der Ostwerbung hieß, prägte die ostdeutsche Textilindustrie vom Badeanzug bis zum Klammerbeutel. Und original DDR-Friseusenkittel aus Dederon finden bei Ebay nach wie vor reißenden Absatz. Warum, ist nicht schwer rauszukriegen. „Die sind beliebt bei Fetischpartys“, grinst Melanie Thamm.

Sie selber hat sich in die Beutel verknallt, als sie 2000 von Niedersachsen nach Pankow zog. Da baumelten die Dinger an den Handgelenken alter Damen, die Thamms neugierige Fragen für Veräppelungsversuche hielten. Nach und nach bekam die Designerin dann aber doch raus, was es mit den Dederon-Beuteln auf sich hat. Fand Stoffbezugsquellen und entwarf die Modelle, die sie jetzt in ihrem mit viel Liebe zu witzigen Details vollgekramten Laden verkauft.

Verspielte Rüschenbeutel, poppige Kulturbeutel, kleine Kosmetikbeutel, Heimatbeutel mit Folklorestickborte, Fußballbeutel für Männer oder Sportfreaks und Berlinbeutel für Touristen oder Lokalpatrioten. Mit 18 bis 25 Euro pro Stück liegt der Preis zwar höher als im Sozialismus, aber dafür ist die Ausführung um Längen individueller.

Die Kundschaft kommt laut Melanie Thamm sogar aus Marzahn angereist und erzählt ihr Geschichten zu den Beuteln. So wie letztens die Dame, die in einem Kleid aus Dederon geheiratet hat. Oder wie der Mann, der sie als Wessi rüffelte, weil sie Dederon seit vielen Jahren falsch, nämlich mit Betonung auf der letzten Silbe ausspricht. Gerade jetzt im Mauerfalljubiläumsjahr, wo die Ex-DDR-Bürger wieder viel selbstbewusster als noch vor Jahren seien, pulten sie auch ihre alten, ewig haltbaren Beutel wieder aus der Schublade, hat Melanie Thamm festgestellt.

„Das ist eine Love-and-Hate-Geschichte“, beschreibt die Beuteldesignerin Kundenreaktionen auf die kühle, glatte Faser Dederon. Manche mögen es kaum anfassen, geschweige denn tragen, andere können nicht genug davon bekommen. Und genau für die hat sie auch Haarschleifen, Armbänder und rosa-lila gemusterte Wandbilder am Lager.

Dederon-Design, Muskauer Straße 45, Kreuzberg, Telefon 0179/512 21 37, Infos im Internet unter www.dederon-design.de

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