Geschichte eines Fußballvereins in Mitte : Zweimal Bero, immer Bero

Die einen wuchsen hier auf, die anderen zogen zu. An Spieltagen treffen sich alte und neue Mitte, Vor-Wende-Berliner und Bionade-Bürgertum, auf dem Fußballplatz von Blau Weiß Berolina zwischen Tor- und Auguststraße - und fremdeln bis heute . Mit Reporterpreis-Gewinner Lucas Vogelsang bei einem Fußballverein, der eigentlich zwei Clubs ist.

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Der Bero, die Oase. Ostberliner Originalschauplatz, immer noch da. Wie hineingefräst, eine Zahnlücke im sonst makellosen Gesicht des Viertels.
Der Bero, die Oase. Ostberliner Originalschauplatz, immer noch da. Wie hineingefräst, eine Zahnlücke im sonst makellosen Gesicht...Foto: William Veder

An einem Samstag im November steht Marcus Schröder auf seinem Platz und ist nervös. Seine Mannschaft spielt in dieser Saison um den Aufstieg in die Kreisklasse A, wichtiges Spiel heute, und Schröder hat kein gutes Gefühl.
Keine zwanzig Meter entfernt steht Kristina Kratz-Kessemeier auf ihrem Platz und ist erleichtert. Ihre Mannschaft hat trotz einiger Ausfälle die Tabellenführung behauptet. Ein gutes Gefühl.
Während Marcus Schröder in der Kabine ganz hinten die Trikots seiner Spieler säuberlich auf den Umkleidebänken auslegt - noch eineinhalb Stunden bis zum Anpfiff, Ordnung muss sein -, packt Kristina Kratz-Kessemeier die verschwitzen Trikots ihrer Spielerinnen in eine große Sporttasche. Sie ist fertig für heute. Noch ein letzter prüfender Blick. Ordnung muss sein.
Er, 29, Maler und Lackierer, Trainer der 3. Männer des SV Berolina Mitte, sagt: Bero ist mein Leben.
Sie, 44, Kunsthistorikerin, Betreuerin der Mädchen-E-Jugend, in der ihre Tochter spielt, sagt: Bero bedeutet uns sehr viel.
Sie stehen dort, Kleine Hamburger Straße, Berlin-Mitte, und sprechen vom selben Verein. Oder doch nicht?
Marcus Schröder und Kristina Kratz-Kessemeier kennen sich nicht.
Der SV Blau Weiß Berolina Mitte liegt im Herzen eines Viertels, das sich in den vergangenen fünfzehn Jahren so stark und schnell verändert hat wie kaum ein anderes in Berlin. Ehemals Abbruchgebiet, Schmuddelecke, wurde es nach 1990 erst zum Sehnsuchtsort der Boheme und schließlich zur Spielwiese der Investoren. Würde man eine Nadel in das Zentrum einer Berlinkarte stechen, sie bliebe wohl genau im Mittelkreis des Bero stecken, dem Fußballplatz, der so heißt wie der Verein, der auf ihm spielt.

Der Bezirksligist ist hier zu Hause, seitdem er 1991 aus dem Zusammenschluss von Medizin Mitte, Mannschaft der Charité, und der BSG Motor Mitte hervorgegangen ist, einem Verein, der schon zu Mauerzeiten seine Heimspiele hier austrug. Ostfußball zwischen Brandmauern, auf einem Platz, der heute wie hineingefräst scheint in die Kulisse aus gläsernen Neubauten und neubürgerlicher Altbau idylle. Eine Zahnlücke im sonst makellosen Gesicht des Viertels. Und natürlich attraktiver Baugrund. Ein Platz, den der "Spiegel" einmal als Filetstück bezeichnet hat, jeder Kunstgrashalm verschwendetes Spekulationsgebiet.
Der Bero, viel mehr als nur Fußballfeld, ist aber auch ein Ort, Ost-Berliner Originalschauplatz, an dem nach der Wende ein DDR-Gefühl konserviert wurde, das sich woanders bereits zu verflüchtigen begann. Deutsch-demokratische Asservatenkammer.

Auf dem Bero stehen sie immer noch, die Menschen von damals. Unser Bero, sagen sie. Ihr Verein. Und sind doch auch hier nicht mehr unter sich.

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