Graffiti : Sprühend vor Begeisterung

Gesprühte Bilder und Schriftzeichen als Touristenmagnet? Berlin kann stolz sein auf seine Graffiti - sagt jedenfalls die "New York Times". Ein Reporter hat den Sprayer Ali auf seinen Streifzügen durch Berlin begleitet.

Sebastian Leber
Graffiti
Graffiti: Kein doofes Rumsprühen -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das muss eine ganz besondere Nacht für Ali gewesen sein: Wie so oft streift er nachts durch Prenzlauer Berg, wie so oft hat er eine Farbdose dabei. In der Nähe eines Spielplatzes hält er an und sprüht seinen Namen an die Wand eines Fahrzeugs. Sprayer-Alltag, eigentlich. Aber etwas ist diesmal anders: Ali wird von einem Reporter begleitet. Und der ist von der New York Times!

Berlin ist die Graffiti-Hauptstadt Europas, behauptete die Zeitung in einer ihrer vorigen Ausgaben. In einem langen Artikel hat sie Statistiken ausgewertet und Experten befragt. Von den „Café-reichen Straßen Kreuzbergs“ bis zu den „belaubten Schulhöfen in Grunewald“ beherrschten Graffiti das Stadtbild, schreibt der Times-Autor. Was viele Berliner dabei überraschen dürfte: Der Reporter sieht die Graffiti nicht in erster Linie als Schmutz oder Sachbeschädigung, sondern als Kunst und als „integral component of Berliner Strassenkultur“.

Gesprühte Bilder und Schriftzüge als Standortvorteil, vielleicht sogar als Touristenmagnet? Das ist ein Trugschluss, sagt Dieter Hüsgen vom Berliner Anti- Sprayer-Verein „Nofitti“. Denn abgesehen davon, dass die meisten Graffiti illegal sind, könne man sie auch nur sehr selten als Kunst bezeichnen. „Die meisten Sprühereien in der Stadt sind riesige, aggressiv wirkende Tags.“ Das sieht die New York Times völlig anders: Sie zählt in ihrem Artikel Sprayer auf, die extra nach Berlin gekommen sind, um hier ihre Werke an Häuserwänden zu hinterlassen. Allen voran der britische Straßenkünstler Banksy. Außerdem seien die Graffiti in Berlin als Zeichen der Wiedervereinigung und somit der Freiheit vom Kommunismus zu sehen. Denn während die Jugendlichen in der DDR nicht sprühten, weil sie es sonst mit der Stasi beziehungsweise „Knast oder schlimmeren“ zu tun bekämen, könnten sie sich nun künstlerisch verewigen. Was allerdings unerwähnt blieb: Es gab dort kaum geeignetes Material.

Aber die New York Times kennt noch einen anderen Grund für die regen Sprüh-Aktivitäten an der Spree: Die Polizei reagiere nur sehr langsam auf die Szene. Die „Gemeinsame Ermittlungsgruppe Graffiti in Berlin“ (GiB) arbeite gar „großteils ineffektiv“. Das will die Polizei nicht auf sich sitzen lassen. Aus der Ferne könne man natürlich immer leicht Vorwürfe machen, sagt Andreas Grabinski, der verantwortliche Dienststellenleiter beim Landeskriminalamt, bei dem die GiB inzwischen angesiedelt ist. Tatsächlich habe die Ermittlungsgruppe mit ihren derzeit etwa 35 Mitarbeitern eine Aufklärungsquote von 70 Prozent. Allerdings kümmert sich die Gruppe nur um die harten Fälle – also solche Sprayer, die ihre Zeichen bis zu mehreren hundert Mal pro Jahr an Wänden hinterlassen.

Richtig sei dagegen die Einschätzung der New Yorker Zeitung, dass Berlin in Europa einen Spitzenplatz belege, was die bloße Zahl von Graffiti angehe. Das komme daher, dass „Berlin auch über die Grenzen Deutschlands hinaus als hip gilt und fürchterlich angesagt ist“ und derzeit „viel junges Volk“ anziehe. Immer wieder stelle sich bei Festnahmen heraus, dass Sprayer Touristen aus dem europäischen Ausland sind, zum Beispiel aus Spanien, Italien oder Niederlanden, aber auch aus Skandinavien oder Polen. Gut möglich, dass bald auch die ersten amerikanischen Sprayer-Touristen geschnappt werden.

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