Graffiti-Sprüher in Berlin : Im Namen der Dose

Sie observieren nächtelang, wann der Wachmann seine Runde dreht, wo die Lichtschranken sind, die Bewegungsmelder und die Kameras. Und wenn alles stimmt, krabbeln die Graffiti-Sprüher aus dem Dunkel auf die Bahnsteige Berlins wie Krebse an Land. Manchmal ist am Morgen danach ein Mensch tot.

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Zug um Zug. Die Beseitigung von Vandalismusschäden kostet die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die S-Bahn pro Jahr mehr als 14...

Erst flirren die Gleise, ganz leise nur. Dann ist ein fernes Rauschen zu hören, sanft wie eine Brise an der See. Und dann ist er plötzlich da: der Zug. Donnernd jagt er am Berliner S-Bahnhof Wartenberg vorbei, Herbstlaub aufwirbelnd, und noch bevor die bunten Blätter sich wieder gelegt haben, ist er verschwunden am Horizont.

Ein kurzer, jäher Augenblick wie dieser reichte, und Miran W. war tot.

Ein Zug erwischte seinen Körper und schleuderte ihn ins Gebüsch. Der Lokführer merkte es nicht mal. Es war sicher dunkel, Miran W. war immer im Dunkeln an den Gleisen. Drei oder vier Tage lag seine Leiche dort, vielleicht länger, so genau weiß die Polizei das nicht. Sie teilte vor ein paar Wochen nur mit: „Beamte der Bundespolizei fanden gegen 15 Uhr 55 in Hohenschönhausen einen toten Mann im Gleisbett.“ Es handele sich um einen „als Graffitisprayer bekannten 31-Jährigen“.

In ganz Deutschland bekannt

In Sprüherkreisen hat die Nachricht schnell die Runde gemacht, Miran W. war in ganz Deutschland bekannt. „Er war einer der aktivsten Sprüher, die Berlin je hatte“, sagt einer, der das auch selbst ist, Sprüher, aktiv. Ein anderer meint: „Miran war einer der ‚King of Trains’.“

Von ihm, dem König der Züge, kannte man nicht den Vor- und auch nicht den Nachnamen, nicht seinen Job, nicht sein bürgerliches Leben. Man kannte ihn als „Kmer“. Das war sein Sprühername in seiner Sprüherwelt. Er stand auf Fernzügen, die an die Küste rollten oder nach Dortmund, auf U- und S-Bahnen, die sich durch Berlin schlängelten, und das war es, worauf es ankam. Mit seinen Zeichen vorkommen, das ist die Währung in dieser Welt, die sich irgendwo versteckt, die ihre eigenen Gesetze hat und ihre eigenen Helden.

So bekannt wie „Kmer“ war auch „Fräsk“, und auch der ist tot. Seinen Namen sah man an irrwitzigen Stellen, doch plötzlich war er weg, verreckt im Gleis auch er. Jedes Jahr ein Toter im Land, ein Toter aus dem Untergrund. Gestorben ist in diesem Jahr auch: ein Bundespolizist, der die Sprüher gejagt hat.

Die Jäger haben festgestellt, dass das Sprayer-Milieu zunehmend von Gang-Mentalität geprägt ist. Sprayer tragen Handschuhe, nicht nur, um Farbspuren an den Händen zu vermeiden. Sie tragen inzwischen auch Totschläger in ihren Hosen, Schreckschusswaffen. Sie rammten einem Wachmann der S-Bahn einen Schraubenzieher in die Brust, als der sie stellen wollte. Auch das war in diesem Jahr. Der Wachmann überlebte.

Seit Mitte der 90er Jahre kannte die Polizei den jungen Mann namens Miran, der Friedrichshainer war aktenkundig, sprühte schon, als es auf den Abstellanlagen der S-Bahn draußen in Hoppegarten kaum Wachpersonal gab, ließ sich davon dann aber auch nicht abhalten. Mehr als zehn lange Jahre hofften die Fahnder vergeblich, dass er eine Familie gründet oder in einer Werbeagentur arbeitet, dass er endlich erwachsen wird.

"Wegen so einer Mäusekacke"

Andreas Grabinski sitzt in seinem Büro auf der Polizeiwache in Moabit und kippt sich dünnen Kaffee in den Rachen. Es ist ein stilles Haus aus den 70ern mit sehr langen Fluren. Grabinski ist ein unauffälliger Mann, einer, der nicht viel lächelt. Grabinski, 54, ist Chef beim LKA 71, und damit zuständig für die Delikte Taschendiebstahl, Sportgewalt und Graffiti. Er sagt: „Da stirbt ein Mensch im Alter von 31 Jahren – wegen so einer Mäusekacke“. Und: „Das alles ist doch ein Menschenleben nicht wert, oder?“ Grabinski schüttelt den Kopf, er ist ja selbst Vater.

Das alles. Graffiti. Besprühen von Wänden, Zügen, Dingen mit Erkennungszeichen, die nur wenigen etwas sagen. Manchmal ist das legal. Manchmal ist das auch Kunst. Aber darum ging es nie, wenn Miran W. sprühte. Er gehörte zu dieser ganz speziellen Szene. Rund 1000 Männer sind das in Berlin, 150 davon bilden den harten Kern. Sie seilen sich an Häuserdächern ab und besprühen in 20 Metern Höhe Wände. Sie klettern nachts über Zäune der S-Bahn-Abstellanlagen, bemalen die Züge mit ihren Namen, sie filmen sie sich dabei, zeigen das im Internet.

Jährlich werden von der Polizei 1500 dieser Straftaten aufgeklärt. Grabinski winkt ab. 15 000 Anzeigen gehen pro Jahr ein, und die Zahl der zu Unrecht beschmierten Wände und Züge liegt noch viel höher, aber nicht alles wird angezeigt, weil manche Geschädigte kapituliert haben.

Und trotzdem: 15.000 Anzeigen.

Grabinski sagt: Wir sind 34 Fahnder.

Die neue Taktik ist die: „Wir konzentrieren uns auf den harten Kern.“ Der ist verschwiegen und ziemlich paranoid.

„Kein Wort am Telefon“, hört man, wenn man über Graffiti sprechen will.

Nennen wir ihn Mark, er ist Mitte 20, kommt aus dem Osten Berlins, auch er malt seit den 90ern. „Kmer“? Klar, sagt er, den hätten viele von diversen HipHop-Partys gekannt, ein schwieriger Typ sei das gewesen, aber ein „leidenschaftlicher Sprüher, skrupellos“. Dass der von einem Zug erwischt würde, hätte niemand gedacht, „der war doch kein kleiner Junge mehr, kein Amateur“.

Wer auf Bahngleisen herumklettert, muss lernen, mit Gefahr umzugehen: mit den Stromschienen, mit inzwischen fast lautlos heranrasenden Züge, mit elektronischen Weichen. Schalten die um, geht das so schnell und kraftvoll, dass die Schiene den Wadenknochen über dem Knöchel durchtrennt als wäre sie ein Nagelknipser.

Sie kennen sich aus wie Bahnliebhaber

Graffitisprüher beobachten die Abstellanlagen der S-Bahn. Sie kennen die Fahrpläne wie Bahnliebhaber und wissen, welcher Zug am nächsten Morgen als erster auf die Strecke gehen wird – mit ihrem Namen. Sie observieren nächtelang, wann der Wachmann seine Runde dreht, wo die Lichtschranken sind, die Bewegungsmelder und die Kameras. Und wenn alles stimmt, geht es schnell und leise. Dunkel gekleidet, Sportschuhe an den Füßen, die Gesichter verhüllt, huschen sie herbei, krabbeln auf die Bahnsteige, wie Krebse an Land. Zücken ihre Dosen. Mit hellen Linien wird das Gerüst der Buchstaben vorgezeichnet und ausgefüllt, anschließend folgen die dunklen Farben, die markanten Außenlinien, die Schattierung, fertig. Fast wie einst im Schulunterricht, nur dass eben kein Din-A 3-Papier bemalt wird, sondern ein ganzer S-Bahn-Waggon. Für ein solches „Whole Car“ braucht man sieben Minuten. Das wieder zu reinigen kostet: bis zu 15 000 Euro.

Fast neun Millionen Euro bringen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), fünfeinhalb Millionen die S-Bahn pro Jahr für die Beseitigung von Vandalismusschäden auf. Dazu gehören auch aufgeschlitzte Sitze, zerkratzte Scheiben und zertrümmerte Haltestellen. Und das Schmieren mit Flusssäure, doch das ist selbst in der Graffitiszene verpönt.

Die BVG hat im vergangenen Jahr 89 Schmierer erwischt, die für den von ihnen verursachten Schaden in Höhe von 38 000 Euro zur Kasse gebeten wurden. Es kamen 11 000 Euro zusammen. Mehr war nicht zu holen.

In Hamburg sagen Polizisten: „Graffiti werden wir nicht mehr los.“ In Berlin sagt Grabinski: „Irgendwann ist Graffiti nicht mehr Mode.“

Legal dem harten Kern den Spaß verderben

Mit Grabinski hoffen viele. Bezirke finanzieren Graffitikurse für Jugendliche, stellen Flächen zum Üben zur Verfügung, Streetart wird in Galerien ausgestellt. Die Idee, die mitschwingt, ist: Das ganze legale Graffiti möge dem harten Kern den Spaß verderben.

Aber was weiß man schon über dessen Motive. „Aus der Distanz betrachtet sind Graffiti-Sprayer Personen, die unbezahlte Nachtarbeit bei unzureichender Arbeitssicherheit an oft gefährlichen Arbeitsplätzen unter großem Zeitdruck verrichten“ – und die die dafür benötigten teuren Arbeitsutensilien auch noch selber bezahlen, schrieben 2003 Potsdamer Psychologen in einer Analyse. „Was macht Spaß am Graffiti-Sprayen?“, war ihre Frage, und die Antworten klafften auseinander, in die der legalen Sprüher: Kreativität, Gruppengefühl, positive Emotionen, und die der illegalen, denen es vor allem um Grenzerfahrung geht.

„Nenn’ es Sport“, sagt denn auch einer aus der Szene: ausspähen, austricksen, nerven. Und Nerven behalten. Und am Ende die Stärkeren besiegen, die Polizei.

Graffiare: kratzen, schrammen

Die ersten Graffiti stammen aus Italien, daher auch der Name, der sich vom italienischen Verb graffiare ableitet, was kratzen, schrammen heißt. Gemeint waren Wandritzereien aus dem alten Pompeji. Der Name wanderte in die USA, beschrieb erste Toilettenkritzeleien, und wurde 1971 berühmt, als die „New York Times“ über einen Botenjungen schrieb, der überall sein Pseudonym „Taki 183“ an Wände schmierte. Das fand Nachahmer, die Hip-Hop-Szene kooperierte mit den Sprayern, Hollywood drehte Filme – einer der bekanntesten ist „Beat Street“ aus dem Jahr 1984, auch hier stirbt der sprühende Held am Ende, im Gleisbett –, längst gibt es Graffiti-Aufkleber für Modelleisenbahnen. Sprühen wurde Mode für die Massen. Und eine Art Staatsärgernis.

1995 schätzte die Berliner Polizei eine Zahl von stadtweit bis zu 15 000 Sprühern. Damals gründete sich auch der Verein Nofitti, auf dessen Internetseite inzwischen unter „Aktuelles“ nur noch Beiträge aus dem Jahr 2006 stehen. Und einmal stieg im Auftrag des Bundesinnenministers ein Hubschrauber auf, der mit Wärmebildkameras die Sprayer aufspüren sollte. Das war den meisten Bürgern dann aber nicht zu vermitteln.

Graffiti ist ungeachtet der Tatsache, dass viele ihrer Hersteller Straftäter sind, eine Industrie geworden: Hosen, Jacken, Mützen, Schuhe, Videos und Bücher, alles zu kaufen in zehn bis zwölf Geschäften in Berlin, bundesweit gibt es 50 bis 100 davon. Im Fotomagazin „Streetwriting Berlin“, das auf dem Tisch von Grabinski liegt und herausgegeben wird von „Artistz.de“ – zu deutsch: Künstlern –, ist eine S-Bahn abgebildet, auf dem drei Buchstaben und eine Zahl stehen: „mrn-43“.

So heißt eine der Crews, zu der Miran W. gehörte. Die Buchstaben stehen für Marzahn; die Ziffern ergeben sich aus der alten Ost-Berliner Postleitzahl 1143. Eine Chiffre, die nicht jeder versteht und auch nicht verstehen soll. „Die Szene will ja keinen Ruhm in der Bevölkerung, sondern unter ihresgleichen“, sagt Grabinski. Und dabei zählen neben Größe des Gesprühten auch die Frechheit der Ortswahl.

„Das ist ‚Kunst’, die nötigt.“

Das Märchen vom unverstandenen Schmierer, der sich letzte Freiräume in der Stadt erobert und graue Fassaden bunt anmalt, erzählten ja eh nur „Sozialromantiker“, sagt Grabinski. Das Wort Kunst im Zusammenhang mit Graffiti will er nicht hören: „Das ist ‚Kunst’, die nötigt.“

Graffiti ist Sachbeschädigung, die Strafen sind gering: Manche müssen in einer sozialen Einrichtung arbeiten, manche zahlen ein paar hundert Euro. Und andere müssen die Fassade einfach nur neu streichen. „Wenn ein Sprayer mal zwei Jahre in den Knast müsste oder einer mal 10 000 Euro Strafe zu zahlen hätte“, sagt Grabinski, „würde sich vielleicht was ändern“.

Vorerst sind seine Ermittler noch damit beschäftigt, die genauen Umstände von Miran W.s Tod aufzuklären. War er allein unterwegs? Oder hat ihn ein Kumpel sterben sehen und ist weggelaufen statt zu helfen? „Wir ermitteln“, sagt ein Fahnder, „aber viele kommen nicht zur Vernehmung.“

Dass es in der Szene immer brutaler zugeht, macht die Ermittlungen nicht einfacher. Keiner will in den Verdacht geraten, etwas verraten zu haben. Wie hart die Sprayer untereinander abrechnen, zeigte im Sommer ein Treffen am östlichen Stadtrand. 90 Männer standen sich da gegenüber, es ging um Revierstreitigkeiten, die mit Fäusten geklärt wurden, 45 gegen 45. Eine verabredete Schlägerei auf der grünen Wiese? Ja, sagt Grabinski, und bemüht den Fachbegriff der „Drittortauseinandersetzung“. Den nutzten bisher nur Polizisten, die Fußball-Hooligans jagten. Und auch sonst gibt es bei aller Verschiedenheit weitere Ähnlichkeiten. Sprayer wie Fußballgewalttäter sind: deutsch, männlich, zwischen 16 bis 28 Jahren alt. Beide stammen nicht notwendig aus der Unterschicht. Es sind Arbeitslose und auch angehende Zahnärzte darunter.

Wenn es dunkel wird, ziehen sich die Sprüher am „Yard“, der S-Bahnabstellanlage, ihre Kapuzen über den Kopf, manche tragen sogar Wollmasken, die nur die Augen freilassen. Keine der vielen Überwachungskameras hier soll ihre Gesichter filmen, sie erkennbar machen. Auch die Ohren verschwinden hinter dem dicken Stoff.

Den letzten Zug hat Miran W. nicht gehört.

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