Stadtleben : Großer Grenzverkehr

Die Mauer fiel – und die BVG holte die Menschen sofort mit Bussen aus dem Umland in die Stadt

Klaus Kurpjuweit

Wo es möglich ist, fährt ein Bus durch. Nach dieser Vorgabe waren schon wenige Stunden nach dem Öffnen der Mauertore die ersten Busse der BVG Richtung „Osten“, zunächst nach Potsdam, unterwegs. Der damalige Bus-Chef der BVG, Wolfgang Jähnichen, hatte noch in der Nacht mit Georg Dukiewicz, dem Chef des Verkehrskombinats, vereinbart, Busse über die Glienicker Brücke fahren zu lassen – aus Berlin bis zum Bassinplatz in Potsdam und von dort nach Wannsee.

Den Auftrag hatte Jähnichen noch in der Nacht vom damaligen Regierenden Bürgermeister Walter Momper erhalten. Die BVG sollte die Massen aus dem Umland in die Stadt bringen; innerstädtisch sollten die Ost-Berliner die Grenze zu Fuß überqueren oder mit der S-Bahn fahren, deren Westlinien damals planmäßig im Bahnhof Friedrichstraße hielten oder endeten. Mit dem Bahnhof Jannowitzbrücke wurde auch der erste der seit dem Mauerbau geschlossenen U-Bahnhöfe am 11. November wieder geöffnet. Die Endbahnhöfe der Züge im Westen waren auf Pappschilder gemalt.

Auch der Busverkehr funktionierte nach mündlichen Vereinbarungen, offizielle Genehmigungen gab es nicht. Wo telefonisch kein Anspruchpartner zu finden war, ließ Jähnichen die Busse der BVG einfach so über die Grenze fahren – etwa nach Oranienburg oder Nauen. Die Fahrer sollten an den Haltestellen ihrer Kollegen stoppen. So kamen die ersten Doppeldecker zunächst ins Umland. „Auf Sicht“, also dicht hintereinander, waren die Busse unterwegs. Niemand achtete darauf, ob Vorschriften eingehalten wurden, auch nicht, wenn die Fahrzeuge völlig überladen waren.

Überall, wo es einen neuen Übergang gab, wurde geprüft, ob dort auch Busse fahren konnten – vorbei an den von der DDR angebrachten Sperren. Und meist klappte es. Wo es nicht ging, wurde nachgeholfen. Als sich herausstellte, dass für die Fahrten nach Falkensee keine Doppeldecker eingesetzt werden konnten, weil die Äste von Alleebäumen das Oberdeck abrasiert hätten, wurden die Bäume über Nacht beschnitten.

Fahrzeuge hatte die BVG, weil auf ihren Linien Busse anderer Verkehrsbetriebe aus Westdeutschland, Fahrzeuge privater Unternehmen und auch von den Alliierten aushalfen. Bis zu 225 Busse waren so unterwegs. Allerdings nicht ganz selbstlos: Die westdeutschen Betriebe ließen sich die Fahrten vom Senat bezahlen; sonst wäre ein großer Teil der Busse schon nach wenigen Tagen der „Solidarität“ wieder abgezogen worden.

Innerstädtisch gab es die ersten gemeinsam betriebenen Linien erst später. Die Vorzeigelinie 100 nahm ihre Fahrten zwischen Alexanderplatz und Zoo erst am 26. November 1990 auf. Auch sie war eine Idee von Jähnichen – wie später auch die Linie 200. Doch Ideen hin oder her: Ohne das Engagement der Mitarbeiter wäre nicht viel gegangen, sagt Jähnichen. Auch nach 20 Jahren bedankt er sich noch dafür. Klaus Kurpjuweit

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