Stadtleben : Großreinemachen für die Reisenden

100 000 Fahrgäste kommen täglich zum Ostbahnhof. Damit der Betrieb funktioniert, arbeiten 1000 Menschen hinter den Kulissen

Frank Brunner

Wenn es dunkel wird in Berlin kommt Michael Lachmann. Jede Nacht ab 22 Uhr kurven er und die anderen Service-Mitarbeiter der Deutschen Bahn mit ihren Reinigungsmaschinen durch die Haupthalle und über die Bahnsteige des Ostbahnhofs. 18 Kubikmeter Abfall aus der Gastronomie mit einem Gewicht von acht Tonnen, müssen die Reinigungskräfte jede Woche beseitigen. Bis vor zwei Jahren war es sogar deutlich mehr.

Doch seit im Mai 2006 der Hauptbahnhof eröffnet hat, sind die Besucherzahlen im Ostbahnhof merklich zurückgegangen. In den Hauptbahnhof kommen täglich 300 000 Reisende. „Bei uns im Ostbahnhof sind es zirka 100 000“, zog Bahnmitarbeiterin Eva Opitz gestern ein erstes Resümee. 2006 seien es noch 120 000 Fahrgäste gewesen. In diese Zahl mit eingerechnet sind die Kunden und Gäste der 55 Geschäfte und gastronomischen Einrichtungen. Für deren Wohl sorgen im Ostbahnhof mehr als 1000 Mitarbeiter – meist unbemerkt.

Es sind Menschen wie Michael Lachmann. Bis fünf Uhr morgens benötigen er und drei bis fünf weitere Kollegen für die komplette Nassreinigung der knapp 35 000 Quadratmeter. Natürlich gebe es in der Nacht auch mal brenzlige Situationen, etwa mit Randalierern, sagt Lachmann, aber richtig gefährlich wurde es bisher noch nie.

Für die Sicherheit ist Jan Minor, Leiter der Polizeiinspektion im Ostbahnhof, verantwortlich. „Pro Schicht sind mindestens 30 Beamte vor Ort“, erzählt er. Um zu Minor zu gelangen, müssen Gäste – egal ob sie aus freien Stücken oder widerwillig die Wache aufsuchen – zunächst eine Sicherheitsschleuse passieren. Für die unfreiwilligen Gäste gibt es im Inneren zwei von der Decke bis zum Boden geflieste Gefängniszellen. „Meist sind die Zellen mit alkoholisierten und hilflosen Personen belegt, die wir in Schutzgewahrsam nehmen müssen“, berichtet Minor. Über die Dauer der Haft entscheide immer ein Arzt, normalerweise seien es maximal vier Stunden. Abgesehen vom verstärkt auftretenden Diebstahl teurer Kupferkabel aus den Gleisanlagen, sei man am Ostbahnhof ansonsten mit ähnlichen Delikten beschäftigt wie anderswo in der Stadt auch, sagt Polizeihauptkommissar Rene Seidenglanz. „Körperverletzungen, Taschendiebstähle und Sachbeschädigungen sind die häufigsten Straftaten im Bahnhof“, erzählt er. Gestern Mittag kurz nach zwölf ist alles friedlich. Das Vernehmungszimmer ist verwaist, die Türen der Zellen stehen weit offen und auch in der Einsatzzentrale herrscht konzentrierte Ruhe.

Turbulent geht es dagegen in der Bahnhofshalle zu. 235 Nah und Fernverkehrszüge sowie 891 Züge der S-Bahn halten jeden Tag am Ostbahnhof. Damit die Reisenden ihre Ziele sicher erreichen, kontrolliert Technikchef Eberhardt Haupt täglich die Sicherheitsanlagen. Über eine schmale Treppe steigt er in die Lüftungszentrale, die sich direkt über der Haupthalle befindet. „74 000 Kubikmeter Luft werden von hier pro Stunde angesaugt, gereinigt, gekühlt oder erwärmt und wieder zurückgeleitet“, erzählt Haupt. Erhitzt sich die Luft über 68 Grad, etwa bei einem Brand, schaltet sich automatisch ein Teil der einigen Tausend Sprinklerköpfe ein. Bei Stromausfall betreibt ein riesiges Dieselaggregat bis zu 21 Stunden Wasserpumpen und Notbeleuchtung.

Gegen manches ist aber auch Eberhardt Haupt machtlos: „Der Regionalzug aus Potsdam hat 30 Minuten Verspätung“ dröhnt es aus dem Lautsprecher in der Bahnhofshalle. Der Techniker ist da schon weiter – wieder verschwunden hinter den Kulissen des Bahnhofs.

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