Großstadtleben in Berlin : Immer mit der Ruhe

Klostergarten, Teesalon, Raum der Stille: In der Stadt gibt es viele Nischen zum Ankommen und Entspannen.

Eva Kalwa
Klostergarten
Im Garten des Dtadtklosters vergisst man, wie nah die belebte Schönhauser Allee ist. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Bedächtig nimmt Michael Fischer einen kleinen Pflasterstein in die Hand und setzt ihn sorgfältig zu den vielen anderen, die er heute schon verlegt hat. Dabei lächelt er trotz der monotonen Arbeit zufrieden und entspannt: Der 34-Jährige hat die „Ora et labora“-Woche – die „Bet- und Arbeitswoche“ – im Stadtkloster Segen an der Schönhauser Allee bewusst gewählt, um der Hektik des Alltags zu entfliehen. Sechs Jahre hat er als Bibliothekar im britischen Oxford gearbeitet, bevor er im Sommer nach Deutschland zurückkam. „Hier im Stadtkloster finde ich Ruhe, um über meine Zukunft nachzudenken“, sagt er. Vor einigen Wochen hatte der Kasseler eine Freundin in Berlin besucht und war auf das in diesem Frühjahr eröffnete Stadtkloster der Communität Don Camillo aufmerksam geworden. Eine Woche ist Fischer nun hier und schläft in einem der drei einfachen Gästezimmer, von denen es nach der aktuellen Umbauphase zehn geben soll. Bis dahin besteht auch die Möglichkeit, zu Hause zu übernachten und tagsüber am geregelten Klosterleben aus Gebet, Arbeit und Meditation teilzunehmen, sagt Georg Schubert, der gemeinsam mit seiner Frau Lebensberatung und geistliche Begleitung in der jungen Gemeinde anbietet.

Kloster auf Zeit

Das „Kloster auf Zeit“-Angebot umfasst eine Woche bis zu mehreren Monaten. Aber auch wer einfach nur einige Stunden der Besinnung sucht, ist beim Mittags- und Abendgebet, dem Meditationsabend oder der Offenen Kirche am Sonnabend willkommen. „Wir wollen den Menschen in der Stadt einen Ort bieten, an dem sie zur Ruhe kommen können“, sagt Schubert. Eine Ahnung davon vermittelt bereits der von hohen Mauern umgebene Innenhof – der Straßenlärm ist zwar noch zu hören, scheint aber an Bedeutung zu verlieren. In dem kleinen Garten hinter der Kirche nimmt man ihn gar nicht mehr war: der richtige Ort, um einige Augenblicke ganz ungestört und bei sich zu sein.

Ruhezone in Tiergarten

An einem kühlen Herbsttag ist man dies oft auch in einem der schönsten Winkel des Tiergartens. Zwischen Großem Stern, der Bellevueallee und der Rousseauinsel liegt versteckt hinter hohen Bäumen und einer dichten Hecke der Rosengarten. Er bietet eine idyllische Atmosphäre, die nicht durch Radfahrer von den Hauptwegen gestört wird: Gittertore weisen diesen Teil als „Ruhezone“ aus. Aus einer Brunnenschale ist das Plätschern von Wasser zu hören, und der romantische Charme einer halb verfallenen Pergola lädt zu Betrachtungen über den Wert jeder einzelnen Lebensstunde ein.

Menschenleere Wege in Prenzlauer Berg

Noch mehr Abgeschiedenheit und morbide Schönheit findet man auf dem Kirchhof der beiden ältesten Kirchengemeinden Berlins, dem Alten Friedhof der Marien-Nicolai-Gemeinde an der Heinrich-Roller-Straße im Prenzlauer Berg. Oft menschenleere Wege führen an vielen sehenswerten historischen Grabstätten vorbei und durch kleine Birkenwäldchen hindurch. Wer auf einer der winzigen Steinbänke rastet, hört nicht die Autos auf der Prenzlauer Allee, sondern nur das leise Rauschen des Windes oder das Klopfen eines Spechts, und kann stundenlang die Eichhörnchen beobachten, die ihre Nuss- und Eichelverstecke kontrollieren.

Refugium für Ruhesuchende: Teesalon in Invalidenstraße

An nasskalten Tagen empfiehlt sich hingegen der Aufenthalt im Warmen: Ein Refugium für Ruhe-Suchende bietet der Berliner Teesalon in der Invalidenstraße. Die Wände des Teegeschäfts im Erdgeschoss eines um 1875 erbauten Gründerzeithauses sind mit Stuck, Holzschnitzereien und alten Kacheln verziert. In einer Ecke stehen zwei kleine, runde Tische mit antiken Stühlen. Hier kann der Besucher aus zarten Porzellan- oder Tonschalen Tees mit so poetischen Namen wie „Augenbrauen der Prinzessin“ oder „Goldene Orchidee“ kosten – oder die Aufgüsse von einer zarten Teerose mit Chrysanthemen genießen. Inhaberin Kristine Mager glaubt an die meditative Kraft der Teekultur: „Die Menschen kommen weg von der Hetze des Coffee to go“, ist sie überzeugt. Gern legt sie im Herbst und Winter für ihre Gäste die Brandenburgischen Konzerte auf. Deren Innerlichkeit vereinigt sich mit der entspannten Salon-Atmosphäre und untermalt den wunderbaren Blick auf den Portikus der klassizistischen Elisabethkirche jenseits der Straße. Der einzige Nachteil: Spätestens bei Ladenschluss muss der Besucher der großstädtischen Getriebenheit erneut die Stirn bieten. Ein kleines Stück Gelassenheit nimmt er wie einen Schutzschild mit.

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