Grüne Woche : Große Ohren, kleine Monster

Auf der Grünen Woche darf man Hundewelpen streicheln – und sich vor exotischen Molchen gruseln. Ein Rundgang durch die Teilmesse "Heim-Tier & Pflanze".

Eva Kalwa
schildkröte
Baby-Wasserschildkröte auf der Teilmesse "Heim-Tier & Pflanze" -Foto: Kleist-Heinrich

Gemächlich schwimmt der Fiederbartwels bis zum Rand, stoppt an der Scheibe, vollführt eine halbe Rolle und schwimmt zurück – Bauch nach oben, Kopf und Rücken nach unten. Was so drollig aussieht, hat einen praktischen Grund: Wenn der Rückenschwimmende Kongowels zur Nahrungssuche unter Wurzeln her taucht, ist er besser geschützt, da er möglichen Feinden nicht seinen verletzlichen Bauch präsentiert.

„Eigentlich kann man wie bei den gepanzerten Schildkröten gar nicht mehr sagen, was ursprünglich oben und was unten war“, sagt Nils Kaye von den „Aquarienfreunden Berlin-Tegel“. Der 1912 gegründete Verein ist einer von mehreren Berliner Aquaristik-Ausstellern in Halle 1.2. Hier findet während der Grünen Woche die Teilmesse „Heim-Tier & Pflanze“ statt, mit 5000 teils ziemlich exotischen Haustieren und noch mehr Pflanzen.

Bis gestern abend sind rund 120 000 Besucher in die Messehallen gekommen – etwa so viel wie im vergangenen Jahr. Neben flauschigen Katzen und knuddelbaren Dackelwelpen treffen die Besucher bei der Heimtiermesse auch auf eine kleine Sensation: den Axolotl.

Wie ein Wesen von einem anderen Stern wirkt der rund 20 Zentimeter lange Querzahnmolch mit seinen sechs Kiemenästen, den kurzen Beinen und dem breiten Maul. Vor zwei Jahren wurde der Axolotl auf der Grünen Woche offiziell zum „hässlichsten Tier der Messe“ gewählt, doch seine Andersartigkeit hat auch etwas Einnehmendes.

Aufgrund eines Gendefekts durchläuft der Molch, dessen Lebensraum sich auf einige Seen rund um Mexiko-Stadt beschränkt, keine Metamorphose, sondern verbleibt auch nach der Geschlechtsreife im Larvenstadium. Und noch eine Eigenschaft rückt die „mexikanischen Wassermonster“ ins Zentrum wissenschaftlicher Forschung: Ihre Zellen können sich entdifferenzieren. „Das bedeutet, dass verletzte Gliedmaßen und Organe sich vollständig regenerieren können. Für die Stammzellenforschung ist das von großem Interesse“, sagt Uwe Konrad, Vorsitzender der Tegeler Aquarienfreunde.

Gruseliger wird es, zumindest für arachnophobisch veranlagte Menschen, einige Messestände weiter, wo die Arbeitsgemeinschaft „Vogelspinnen Berlin-Brandenburg“ 34 Arten der Achtbeiner ausstellt: Kleine und große, einfarbige und bunte sowie dicht behaarte und fast kahle, bei denen man die Beißklauen und die acht Augen des dennoch fast blinden Tieres besonders gut erkennen kann. Vor den Schaukästen spielen sich oft ähnliche Szenen ab: Ein Junge zeigt etwa auf eine kleine, rötliche Bombardierspinne, die ihre Angreifer bevorzugt mit Brennhaaren bewirft: „Papa, schau mal, die ist aber hübsch!“ Der Senior tritt heran, schaut, nickt und sagt leise: „Ja, aber du weißt doch, die Mama ..!“

Spinnenangst ist in der Bevölkerung so weit verbreitet, dass Viktoria und Mike von der Arbeitsgemeinschaft keine Nachnamen nennen möchten: „Wenn meine Nachbarn erfahren, dass ich Vogelspinnen halte, kann das zu Problemen führen“, sagt Mike, der auf 52 Quadratmeter rund 80 Spinnentiere hält. Zwar müsse ein Mieter die Spinnen beim Vermieter nicht angeben, doch wenn Nachbarn auf ihre Arachnophobie plädierten, könnte das eventuell die Wohnungskündigung zur Folge haben. „Dabei sind die Tiere ungefährlich, wenn man sie artgerecht hält“, sagt Viktoria.

Wer der Sache nicht traut, kann sich nebenan im Orchideengarten oder am Ententeich beruhigen. Am frühen Vormittag ist es hier noch angenehm leer, doch spätestens mittags erreicht der Strom der Besuchermassen die Halle 1.2. Dann wird es voll am Stand mit den Dackelwelpen, bei den Vogelspinnen hält sich das Gedränge in Grenzen. Kaufen kann man keines der Tiere, wohl aber die hier ebenfalls ausgestellten Orchideen und Blumenzwiebeln. Zum Beispiel die Knolle des Mexikanischen Wunderbaums. „Eine wunderschöne, gelbe und duftende Blüte“, verspricht die Verkäuferin. Eine Verheißung, die sich mit den Ergebnissen der anschließenden Internetrecherche nicht deckt: Die Eidechsenwurz ist für ihren penetranten Kotgeruch bekannt. Sorgfältige Information vor dem Kauf ist eben alles, nicht nur bei Haustieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar