Grüne Woche : Mehlsuppe mit Musik

Polen, das Partnerland der diesjährigen Grünen Woche, setzt auf deftige Speisen und bunte Folklore.

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Polnische Kostproben. Volksmusik aus Pierikowiznie, Wurst von Znotnicka-Schweinen und Süßes aus Kajmak – all das wird in der Halle des Nachbarlandes auf der Grünen Woche geboten.
Polnische Kostproben. Volksmusik aus Pierikowiznie, Wurst von Znotnicka-Schweinen und Süßes aus Kajmak – all das wird in der Halle...Foto: Paul Zinken

Jenina und Khrystyna sitzen vor einem Werbeplakat mit immergrüner Bachlandschaft und warten auf ihren Auftritt. Die Frauen in den bunten Trachten gehören zu einer Folkloregruppe aus dem Städtchen Postomino im polnischen Westpommern. Gleich werden sie auf der Grünen Woche singen, inmitten der Stände ihres Landes, wo sich die Woiwodschaften, die 16 Verwaltungsbezirke, präsentieren. Polen ist seit 1986 auf der Messe dabei und in diesem Jahr Partnerland. Mit fast 90 Ausstellern ist es im Vergleich zum vergangenen Jahr in doppelter Stärke vertreten. Jenina und Khrystyna waren schon vor vier Jahren da. Sie wollen die Kultur aus ihren Dörfern vorstellen, übersetzt eine junge Frau. Die Folkloregruppe lacht und nickt eifrig.

Deutsch sprechen nur wenige der Aussteller. Das ist den meisten Besuchern von Halle 11.2 egal. Hauptsache, der eingelegte Hering, der Schafskäse Oscypek und der süße Wein schmecken. Gespräche über die Produkte und die Region, aus der sie stammen, finden selten statt. Die Leute schieben sich von Woiwodschaft zu Woiwodschaft, von der Lubelskie nach Westpommern und weiter nach Niederschlesien. Vorbei an Brotlaiben, Gänseschinken und Werbeprospekten für Touristen. Es riecht nach Wurst, nach Käse, nach Fisch.

Zu den Exportschlagern der Nachbarn gehören die polnischen Gänse. 20 000 Tonnen Gänsefleisch exportiere man pro Jahr, 90 Prozent davon nach Deutschland, erzählt Rajmund Paczkowski, Präsident des Landesrats der Geflügelbetriebe. Und Landwirtschaftsminister Marek Sawicki verkündete bereits im Voraus, dass Deutschland der wichtigste Partner im Handel mit Lebensmitteln innerhalb der Europäischen Union sei. Die Woiwodschaft Lubuskie präsentiert dann etwas, das vielen eher als ureigene Spezialität der Deutschen gilt: Bier. Acht Sorten, mal mit Honig, mal mit Zitrone. Alles Bio, versichert eine Verkäuferin. Zum ersten Mal dabei sind die Produzenten von Störfisch. Noch verkaufen sie russische Fische und Kaviar. In einigen Jahren wolle man polnische Störe auf der Grünen Woche verkaufen, das Projekt zur Wiederansiedlung in Elbe und Weichsel laufe bereits.

Es ist Zeit für den Auftritt von Jenina, Khrystyna und den anderen Frauen und Männern aus dem Norden Polens. Das kleine Restaurant in der Mitte räumt Tische beiseite und macht Platz für die Folkloregruppe. Danach wirbt Polens bekanntester Deutscher für seine Wahlheimat. Steffen Möller lebt seit 1994 in Polen, spielt dort in einer Fernsehserie einen trotteligen deutschen Bauern und moderiert die polnische „Wetten dass“-Variante. In der Showküche posiert Fernsehkoch Karol Okrasa, der polnische Jamie Oliver, für Fernsehteams aus der Heimat. Auf dem Herd dampft Zurek, eine Sauermehlsuppe mit Schweinerippchen, Knoblauch und Majoran. „Und danach einen Schnaps“ – Okrasa lächelt sein Kameralächeln.

Am Stand Großpolens gibt es mit Mohn gefüllte St.-Martins-Hörnchen. Wie in Deutschland feiere man in der Gegend um Posen den Martinstag am 11. November, sagt Bäcker Piotr Przewozny. Die Besucher der Grünen Woche futtern sich durch die Woiwodschaften und versichern, das Land auf Reisen genauso kennengelernt zu haben, wie es sich auf der Messe präsentiere. „Das hier bringt einem Polen wirklich näher, vielen ist es ja immer noch fremd“, sagt der gebürtige Schlesier Johann Gas. Auch der Franzose Gilles und seine Freundin Veronique aus Reinickendorf sind begeistert. Beide fahren seit dem Mauerfall regelmäßig nach Polen, am liebsten in die Gegend um Krakau. „Das Land ist so naturbelassen und hat so eine schmackhafte Küche“, schwärmen sie.

Wer genug von Polen probiert hat, muss nur wenige Schritte machen und steht plötzlich vor einem Eiffelturm aus Stoff, direkt nach dem Stand mit polnischem Bernstein. Das Nachbarland im Osten teilt sich die Halle mit Frankreich. Und Besucher ohne Lust auf Baguette verlassen Polen einfach in die andere Richtung und probieren Schweizer Raclette oder holländischen Gouda. Christoph Spangenberg

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