Gymnasium zum Grauen Kloster : Das Erbe der Franziskaner

Das Gymnasium zum Grauen Kloster ist die älteste Schule Berlins. Ex-Pennäler Knut Elstermann hat seine Ost-West-Geschichte erforscht und beschrieben.

Eva Kalwa
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Schöner lernen. Von 1975 bis 1979 war der heutige RBB-Moderator und Filmkritiker Knut Elstermann Schüler in dem (damals schon...

Folgende Situation wäre denkbar: An dem großen runden Tisch in Berlins ältester Gaststätte „Zur letzten Instanz“, an dem gerade der RBB-Moderator und Filmkritiker Knut Elstermann Platz genommen hat, sitzen drei weitere Menschen – ein alter, ein mittelalter und ein junger. Jeder der vier könnte mit Recht behaupten, „Klosteraner“ gewesen zu sein, Schüler des 1574 gegründeten Berliner Gymnasiums „Graues Kloster“, doch wären sie alle auf unterschiedliche Schulen gegangen – drei in Ost-, einer in West-Berlin.

„Die Historie des Grauen Klosters, des ältesten Berliner Gymnasiums, ist recht kompliziert“, sagt Elstermann, der in den Siebzigern mit seinen Klassenkameraden oft in der urige Gaststätte saß. Damals wollte der 15-jährige Friedrichshainer wissen, ob „sein“ Graues Kloster in der Niederwallstraße etwas mit der Kirchenruine in der Klosterstraße in Mitte zu tun habe. Oder was beide wiederum mit dem Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Schmargendorf verbindet. Doch seine Lehrer klärten ihn und die Mitschüler nie darüber auf.

Inspiriert durch ein Klassentreffen fing der 49-jährige Journalist 2006 an, zu recherchieren und die Geschichte der Schule und die einiger Mitschüler aufzuschreiben. Das Ergebnis ist das Buch „Die Klosterkinder. Deutsche Lebensläufe am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin“. Elstermann erzählt darin von den Anfängen im 1571 aufgelösten Konvent der grau gekleideten Franziskanermönche in der heutigen Klosterstraße. Von dunklen und feuchten Lehrsälen, von Direktoren wie Anton Friedrich Büsching, der im 18. Jahrhundert den Geist der Aufklärung hinter die dicken Mauern trug und das Fach „Ketzergeschichte“ ersatzlos strich. Und von berühmten Schülern wie Karl Friedrich Schinkel und Otto von Bismarck, der hier 1832 sein Abitur ablegte. Im 20. Jahrhundert ging das Gymnasium mit der Zeit: im Guten, was die Öffnung der Schule für Mädchen und das Verbot der Prügelstrafe betraf. Im Schlechten durch die Begeisterung für den „heiligen Dienst“ an der Waffe im Ersten Weltkrieg sowie durch die relative Widerstandslosigkeit, mit der sich die Schule im Nationalsozialismus gleichschalten ließ.

Als der größte Teil der Schulgebäude in den letzten Kriegstagen zerbombt wurde, fand das Graue Kloster schnell Zuflucht in einem ehemaligen Rektorenhaus in der Weinmeisterstraße in Mitte. Die ersten Monate waren entbehrungsreich: Die Lehrer benutzten Teile des herabgestürzten Deckenstucks als Kreide, Heizmaterial brachten die Schüler von zu Hause mit. Vier Jahre blieb die Oberschule hier, dann zog sie bis zur Auflösung 1982 in eine frühere Grundschule in die Niederwallstraße in Mitte. Als Elstermann das Gebäude am 1. September 1975 erstmals betrat, war er stolz, Schüler der einzigen altsprachlichen Bildungseinrichtung OstBerlins zu werden. Im Westteil gab es mehrere humanistische Schulen, etwa das Canisius-Kolleg in Tiergarten, das Wilmersdorfer Goethe-Gymnasium und das Gymnasium Steglitz.

Elstermanns Schule galt in der DDR als „Oase im pädagogischen Einheitssystem“, durfte sich aber ab 1958 nicht mehr Graues Kloster nennen. Die neue Bezeichnung 2. Erweiterte Oberschule sollte ein neues Image schaffen, denn der alte, nach Weihrauch und Exerzitien klingende Name war der SED ein Dorn im Auge. Das Milieu galt als bürgerlich, reaktionär und „überlebt“, dennoch saßen hier neben vielen Sprösslingen aus DDR-kritischen Familien auch Funktionärskinder. Für Elstermann und seine Mitschüler wurde das Graue Kloster zum Synonym für Andersartigkeit im staatlichen Gleichheitszwang und zur Projektionsfläche für ihre Wünsche nach geistiger Freiheit. Für manchen hatten diese Träume einen hohen Preis: Elstermanns Mitschüler Mark Lehmstedt wurde nach einem kritischen Aufsatz kurz vor dem Abitur relegiert. „Das Buch ist auch aus dem Wunsch heraus entstanden, Mark endlich zu rächen und seine Geschichte zu erzählen“, sagt Elstermann.

Doch auch nach dem Namensverbot riss die Traditionslinie des Grauen Klosters nicht ab: 1963 übernahm das Evangelische Gymnasium Schmargendorf als vierte Station Titel und Tradition. Der westliche Zweig zählt viele prominente Absolventen wie Schauspieler Ulrich Matthes und Regisseur Florian Henkel von Donnersmarck – kaum weniger als im Osten, wo Erwin Leiser, Monika Maron und Lothar de Maizière die Schulbank drückten. „Viele West-Klosteraner wussten gar nicht, dass es auch in Ost-Berlin ein Graues Kloster gibt“, sagt Elstermann.

Er und viele Ehemalige hoffen seit Jahren auf einen Standort, der die wechselvolle Geschichte des Grauen Klosters endlich vereint, ein Finanzierungskonzept fehlt aber noch. Den Ort haben die Klosteraner bereits klar vor Augen, auch wenn auf der mehrspurigen Grunerstraße zurzeit noch jeden Tag unzählige Autos in Richtung Alex rollen – vorbei an der gotischen Kirchenruine, dem Ursprung gymnasialer Bildung in Berlin. Eva Kalwa

Knut Elstermann: Klosterkinder. Be.bra-Verlag Berlin. 318 Seiten, 36 Abbildungen, 19,95 Euro

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