Stadtleben : Handstand für die Weltkarriere

Gestern hat am Paul-Lincke-Ufer „Base Berlin“ eröffnet, ein Trainingscamp für Nachwuchsartisten

Daniela Martens

Die Haare hängen wirr ins Gesicht. Eine Zwangsjacke hält Florian Zumkehrs Arme dicht am Körper. Mit hängendem Kopf sitzt er auf einem Stuhl. Dann blickt er hoch und beginnt zu turnen – auf und mit dem Stuhl: Ein Schulterstand auf dem Sitz, dann kippt er den Stuhl in jede nur mögliche Position. Während er sich allmählich aus der Zwangsjacke befreit, macht er auf jedem Teil des Stuhls Handstand: einhändig, die Beine zur Seite gestreckt oder zum Spagat gespreizt – ein Tobsuchtsanfall in Zeitlupe.

Aber der 19-jährige Florian Zumkehr steht nicht etwa auf einer Varieté-Bühne, sondern in einem neuen großen Trainingsraum in Kreuzberg, Paul-Lincke-Ufer, dritter Hinterhof. Gestern wurde hier „Base Berlin“ eröffnet, eine Art Trainings-WG auf 500 Quadratmetern für Nachwuchsartisten. Die Gründer sind das bekannte Akrobaten-Duo „Caesar Twins“ – Pablo und Pierre sind schon vor der Queen aufgetreten – und der Artistik-Regisseur Markus Pabst, dessen Show „Soap“ man im Varieté Chamäleon sehen kann. Die Caesar-Zwillinge trainieren hier am Paul-Linke-Ufer schon länger in einem Loft. Für das Base-Projekt haben die drei Gründer selbst das Loft nebenan renoviert.

Florian Zumkehr ist einer von acht Akrobaten, die von jetzt an hier trainieren. Aber nicht nur das: Sie sollen sich gegenseitig inspirieren und alles lernen, was über die reine Technik hinausgeht. Diese haben die meisten an der Staatlichen Artistikschule in Prenzlauer Berg gelernt. Base ist sozusagen eine Fortsetzung der Ausbildung. „Aber es ist keine Schule. Bei uns geht es darum, Nummern mit Choreographien auszubauen und eine neue Form von Bewegungskunst zu schaffen – mit Schauspiel und Tanz“, sagt Markus Pabst. Helfen soll den Akrobaten ein Videoarchiv und ein Musikschnittplatz. „Wir sind alle möglichst weit vom Klischee Zirkus entfernt“, sagt der jüngste Base-Artist, der 18-jährige Eike Stuckenbrok. Sind die Nummern ausgereift, will Pabst mit seinen Kontakten in der Welt des Varietés bei der Suche nach Engagements helfen. Eike tritt seit kurzem in seiner Show-Soap im Chamäleon auf. Wenn die jungen Künstler Engagements haben, sollen sie sich an der Miete beteiligen. Den Rest des Projekts finanzieren die drei Gründer. Für die meisten der Base-Artisten hat Pabst schon ein gemeinsames Projekt gefunden: Sie werden demnächst in Münster mit der Show „Made in Germany“ zu sehen sein. Es gebe kaum Akrobaten aus Deutschland, die international berühmt sind, sagt Pabst. Das soll Base ändern. Hilfe bekommt er dabei auch von Schauspieler Herbert Knaup. Der wohnt um die Ecke und hat angeboten, den Nachwuchsartisten Schauspielunterricht zu geben. Die Gegenleistung: Er darf die neue Sauna im Base-Loft benutzen.

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