Hansa-Theater heißt jetzt Engelbrot : Musen, Magier, Moabit

Ein unerschrockenes Theatermacher-Trio hat das alte Hansa-Theater mit einem wilden Programm-Mix wiederbelebt Und jetzt bekommt das in Engelbrot umbenannte Haus auch noch eine Studiobühne

Gunda Bartels

Hier malert der Chef noch selbst. HP Trauschkes Jeans und Hemd sind mit weißer Farbe besprenkelt. Und als der Intendant stolz das frisch geweißte Studiotheater zeigt, das nächsten Freitag öffnet, weiß man sofort: Im „Engelbrot“ heißt Theatermachen Zupacken. Oder wie es Friedrich Liechtenstein formuliert: „Einfach losgehen und machen!“ Er und Ludo Vici komplettieren das locker-leidenschaftliche Intendantentrio. Sie sind allesamt über 40, alte Kunst- und Entertainmenthasen und als Regisseure, Schauspieler, Musiker mit eigenen Shows im eigenen Haus vertreten. Und wie sie da im prächtigen Theatersaal stehen und Liechtensteins neues Spielzeug, einen Druckluft-Teleskopstab bestaunen, wirken sie verspielt und unerschrocken. Wahrscheinlich genau die richtige Mischung, um einen lecken Theaterdampfer wie das alte Hansa-Theater, Alt-Mobit 48, wieder flott zu kriegen.

Zehn Stücke haben Trauschke, Vici und Liechtenstein in den neun Monaten seit der Eröffnung des Engelbrot gezeigt. Darunter ein gefeiertes des Theatermagiers Peter Brook und ein ebenso hoch gelobtes des Volksbühnen-Berserkers Herbert Fritsch. Dazu gibt es Kunstaktionen, Filmnächte, Konzerte von Jazz bis Klassik, Live-Sendungen von Radio Fritz, Dancefloor mit Friedrich Liechtenstein und neuerdings auch ein Modelabel. Ein Kessel Buntes für Leute von Kiez bis Szene. „Wir wollen sie alle“, verkündet HP Trauschke. Wenn der „Operettenexpress“ zu Gast sei, kämen Opas und Opas zu Kaffee und Kuchen. Und wenn Mex Schlüpfer seine schräge Schiller-Bearbeitung aufführt, stömt Szenevolk aus Mitte herbei.

„Dieser Raum rockt“, ist sich Trauschke sicher. Das beweise schon die faszinierende Hausgeschichte, meint Musiker Ludo Vici, der mit seiner Georg- Büchner-Show regelmäßig genau das mit dem Publikum veranstaltet. Und Multitalent Liechtenstein, der mit seiner Radioshow durch ganz Europa tourt und auf der Bühne auch schon mal mit einer Porreestange den einen oder anderen Popo verklopft, will gleich ganz Moabit rocken. Der durch die Nähe zum Regierungsviertel immer mehr aufblühende Kiez sei der Speck von Mitte.

Bei so viel Zuversicht steht’s mit den Finanzen des Low-Buget-Projekts sicher auch zum Besten? Da murren die Visionäre. „Och, immer diese Geldfragen.“ Und die 30 Prozent Auslastung seien schießlich erst der Anfang. Sie haben die „Tankstelle des Glücks“, wie das Engelbrot und Spiele im Untertitel heißt, erst von Artur Brauner und jetzt von einem österreichischen Investor gepachtet. Für zehn plus fünf Jahre. 200 000 Euro hätten sie in Eigenarbeit reingesteckt, meint Trauschke, und alles andere laufe über Sponsoren, Mäzene, Partner.

Subventionen würden sie nicht ablehnen, sagen die drei, schließlich wolle man Berlin eine Perle erhalten. „Aber schreiben Sie lieber, dass der Saal 1200 Leute fasst und für unheimlich scharfe Firmenpartys taugt.“ Den Saal zu vermieten, wie bei der letzten Popkomm, sei ihnen lieber als Anträge für Förderkohle zu schreiben. Und auch jetzt wird gerade unter Hämmern und Klopfen am Saalmobiliar geschraubt.

Wer wenig Geld hat, aber trotzdem 15 Mitarbeitern kleine Honorare zahlt, muss umso mehr Ideen haben. Zum Beispiel die des gebackenen Engelbrots, das ab morgen in 100 Bäckereien der Berliner Bäcker-Innung zu kaufen ist. Pressemann Oliver Spatz, der das frisch gedruckte Brot-Plakat in die rotplüschige Bar bringt, wird erst mal bejubelt. Was die Aktion soll? HP Trauschke erklärt den Werbegag: Wer fünf Engelbrote kauft und deren Bauchbinde sammelt, kommt einmal umsonst ins Theater.

Apropos Engelbrot: woher der Name? Das sei das letzte Wort in Eugène Ionescos „Die Stühle“, erklären die beiden Ex-Münchner Ludo Vici und HP Trauschke. Der Klassiker des absurden Theaters begleite sie schon seit 17 Jahren. Der Name Engelbrot und Spiele stehe für viel mehr als nur Theater, ergänzt Friedrich Liechtenstein. Und weil sie sich als Kulturkeimzelle verstehen, haben sie sich auch absichtlich so einen Mordskasten ans Bein gebunden. Als nächste Projekte sind eine Tagesbar im Foyer und Künstlerateliers geplant. „Wir sind wie die ARD“, grinst Liechtenstein, „breitgefächert und mit dem ganz großen Unterhaltungsauftrag.“

Das Studiotheater eröffnet am 18. Januar mit „In der Wildnis“ von Felix Isenbügel. Heute um 20 Uhr spielt HP Trauschke Kafkas „Affen“. Ludo Vicis Georg-Büchner-Rockshow ist am 17. und 18. Januar zu sehen. Spielplan: www.engelbrot.com

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