Hauptstadtpartys : Wie Berlin den Song Contest feierte

Vielerorts in der deutschen Musikhauptstadt versammelten sich Fans wie Kritiker des einstigen Gand-Prix-Spektakels, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen - oder um einfach nur zu lästern.

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15.05.2011: Das Duo Ell/Nikki aus Aserbaidschan gewinnt in der Nacht zu Sonntag mit seinem Titel "Running Scared" den Eurovision Song Contest. Foto: dapdWeitere Bilder anzeigen
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16.05.2011 09:5615.05.2011: Das Duo Ell/Nikki aus Aserbaidschan gewinnt in der Nacht zu Sonntag mit seinem Titel "Running Scared" den Eurovision...

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Immer wieder ist die Hauptstadt in den Einspielfilmchen vor den einzelnen Beiträgen zu sehen. Eastside Gallery, Fernsehturm, Marathon. Haste Töne.

Das Kino International in der Karl-Marx-Allee 33 in Mitte ist ausverkauft. 550 Besucher stehen vor der Leinwand und fiebern mit ihren jeweiligen Favoriten.

Ist das nicht ungerecht, dass der Gewinner, wie jetzt Lena gleich am Anfang der Show, so einen großen Auftritt haben darf? Immerhin wird die Aufregung bei der 19-Jährigen abgefallen sein, das geht immer schnell, wenn sie erstmal auf der Bühne steht, hat sie noch vor der Show verraten. Wie süüüüüß, heißt es da vor dem Bildschirm auch in der Kalkscheune an der Johannisstraße in Mitte. Hoch die Biere, erhebt das Sektglas!

Stößchen! Wie in vielen Berliner Clubs und Bars für homosexuelle Freunde der vielfach schrägen Sangeskünstler kocht auch in der Bar zum schmutzigen Hobby die Stimmung - in Friedrichshain, Revaler Straße 99, an der Theke. Zwar kann man da auch Getränke für einen guten sozialen Zweck ordern, doch die meisten Cocktails dürften dem Tuning der Feierfreude gedient haben. Nina Queer, Travestiegröße, kommentiert für die versammelten, schon altgedienten Freunde des Grand Prix und auch alle Eurovision-Songscontest-Neueinsteiger.

Ihre Frisur erinnert ziemlich an Lenas Hairstyling, und so nimmt die queere Nina die Konkurrenz der Deutschen kritisch aufs Korn. Ach, die Österreicher zum Beispiel, mit ihrer Nadine Bailer. "Mit der asymmetrischen Frisur kann das ja nichts werden", sagt die hoch gewachsene Kommentatorin. "Außerdem hat ein Songschreiber den Titel gedichtet, der für Falco getextet hat - aber nie einen Hit hatte."

Überall hängen Euro-Flaggen - und Deutschlandfahnen, fast wie bei der Fußball-WM. Und sogar Original-Lena-Plakate! Die Nah-Bar in Schöneberg hat sich für den großen Abend stilecht ins Zeug gelegt. "Die Plattenfirmen haben sich in diesem Jahr ja total bedeckt gehalten, aber die Poster habe ich noch organisieren könne", freut sich Sandra Wolgien, Betreiberin der Bar an der Kalkreuthstraße 16 in Schöneberg. Es ist proppevoll. 70, 80, 90 Leute, bis nach Großbritannien hat sich der TV-Event herumgesprochen. Eine Gruppe Londonerinnen ist gekommen, um ihrer Boygroup "Blue" zuzujubeln. Sie schwenken blaurotweiße Flaggen. Aber die meisten hier drücken lovely Lena die Daumen. "Ihr Lied ist zwar nicht der typische Grand-Prix-Hit, bei dem alle Hände in den Himmel gehen, aber der Song ist schön, wir sind für Lena!", sagt Wolgien. Jetzt flippen aber erstmal die schrägen Iren "Jedward" über die Bühne.

Mit der Bewerbung als Austragungsort des Eurovision Song Contest hat es nicht geklappt, Berlin hatte wie Hamburg und Hannover das Nachsehen. Aber die Show gucken und anfeuern und mitfiebern, jubeln und Buh rufen, das geht in der Stadt bestens.

"Rappelvoll. Bombenstimmung", freut sich der Betreiber des Restaurants im Teehaus im Englischen Garten, Christof Blaesius. Der ESC ist auch gut für die Gastronomie. Dutzende Tischbestellungen vor der Berliner Riesenleinwand, da hatten die Kollegen in der Küche gut zu tun. Die Queen hat hier ein Bäumchen aus Großbritannien gepflanzt, Mitte der 60er, als die Engländer das Gebäude im Tiergarten erbauten. Das Haus steht auf den Fundamenten des Wohnhauses von Gustav Gründgens und Marianne Hoppe - Kultur einst und jetzt. Damals langsam, viel Schwarzweiß, heute viele Effekte, schräge Frisuren. Lenas Song kommt irgendwie leicht depressiv rüber, aber die Bude bebt. Applaus im Stillen, mitten im Grünen. Draußen plätschert der Regen. "Drinnen ist alles voll, man kann nur noch von draußen gucken", sagt der nette junge Koch. Er selbst, gibt er zu, ist aber froh, wenn er Zuhause wieder seine Musik aufdrehen kann: die 80er.


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